Charles Darwin
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Charles Robert Darwin (* 12. Februar 1809 in Shrewsbury, England; † 19. April 1882 in Downe) war ein britischer Naturforscher und gilt durch seine wesentlichen Beiträge zur Evolutionstheorie, die er zusammen mit Alfred Russel Wallace begründete, als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Darwin“.
1831 brach Darwin zu einer fünfjährigen Reise auf dem britischen Vermessungsschiff H. M. S. Beagle auf, die ihm das Studium der geologischen Eigenschaften von Kontinenten und Inseln sowie einer Vielzahl von Lebewesen und Fossilien erlaubte. Bereits 1838 entwarf er seine Theorie der Anpassung an den Lebensraum durch Variation und natürliche Selektion und erklärte so die evolutive Entwicklung aller Organismen und ihre Aufspaltung in verschiedene Arten. Zu einer Veröffentlichung kam es noch nicht. In seinem am 24. November 1859 veröffentlichten Hauptwerk On the Origin of Species (Die Entstehung der Arten) stellte Darwin seine Theorie zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit vor (die erste deutsche Übersetzung folgte 1860). Sie bildet als streng naturwissenschaftliche Erklärung für die Diversität des Lebens die Grundlage der modernen Evolutionstheorie und stellte den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der modernen Biologie dar.
Nach Die Entstehung der Arten publizierte Darwin noch weitere wichtige wissenschaftliche Werke wie Die Abstammung des Menschen (1871), Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren (1872) – in dem seine Abstammungslehre auf das Gebiet der Psychologie und der Verhaltensforschung ausgedehnt wurde – sowie Insektenfressende Pflanzen (1875). Für Darwins Abstammungslehre wird oft der veraltete Begriff Darwinismus verwendet.
Kindheit und Studium
Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 auf dem in Shrewsbury gelegenen Anwesen Mount House geboren. Er war das fünfte von sechs Kindern des Arztes Robert Darwin, Sohn des Naturforschers und Dichters Erasmus Darwin, und Susannah Wedgwood (1765–1817), Tochter des Keramikfabrikanten Josiah Wedgwood.
Am 15. Juli 1817, als Charles Darwin acht Jahre alt war, starb seine Mutter und seine drei älteren Schwestern Marianne (1798–1858), Caroline (1800–1888) und Susan (1803–1866) übernahmen seine Betreuung. Seit dem Frühjahr 1817 besuchte er die Tagesschule der Unitarier-Gemeinde, der seine Mutter angehörte. Schon zu dieser Zeit sammelte Darwin Muscheln, Siegel, Münzen und Mineralien.[1] Im Juni 1818 wechselte er an die von Samuel Butler geleitete private Internatsschule von Shrewsbury, auf der er sieben Jahre blieb. Dem konventionellen, auf alte Sprachen und Literatur ausgerichteten, Unterricht konnte Darwin nicht viel abgewinnen.[2] Das Durchdringen komplexer Sachverhalte wie Euklids Geometrie, in der ihn ein Privatlehrer unterrichtete, oder der Feineinstellung eines Barometers, die ihm sein Onkel Samuel Tertius Galton (1783–1844) erläuterte, bereiteten ihm hingegen Freude. Seine unablässigen Streifzüge durch die Natur, bei denen er die Verhaltensweise von Vögeln untersuchte und Insekten sammelte, schärften seine Beobachtungsgabe. Angeregt durch Experimente seines älteren Bruder Erasmus (1804–1881), die dieser in einem selbstgebauten Labor im elterlichen Geräteschuppen durchführte und bei denen Darwin mithelfen durfte, beschäftigte er sich intensiv mit Chemie. Da seine schulischen Leistungen nur mäßig waren, nahm ihn sein Vater am 17. Juni 1825 vorzeitig von der Schule.[3]
Im Oktober 1825 begann Darwin wie zuvor sein Bruder Erasmus an der Universität Edinburgh mit dem Medizinstudium. Die Vorlesungen langweilten ihn, mit Ausnahme der Chemievorlesungen von Thomas Charles Hope.[4] Er beschäftigte sich vornehmlich mit naturwissenschaftlichen Themen. Einflussreichster Lehrer in seiner Edinburgher Zeit war Robert Edmond Grant (1793–1874), ein Freidenker und Anhänger der Lamarckschen Evolutionslehre. Bei ihm lernt er Meereszoologie und wissenschaftliches Beobachten und die Bedeutung von genauen Aufzeichnungen.[5] Darwin war Mitglied der Royal Medical Society und der Studenten-Gesellschaft Plinian Society, in der er seinen ersten wissenschaftlichen Vortrag über die Selbstbeweglichkeit der Eier von Flustra (ein Moostierchen) hielt. Von John Edmonstone, einem ehemaligen schwarzen Sklaven, erlernte er das Präparieren von Vögeln.[6]
Als Darwins Vater bemerkte, dass sich sein Sohn mit dem Studium der Medizin schwertat, schlug er ihm vor, Geistlicher der Kirche von England zu werden und ein Studium der Theologie zu beginnen.[7] Nach kurzer Bedenkzeit willigte Darwin ein und begann im Januar 1828 mit dem Studium in Cambridge. In der Zeit davor frischte er seine griechischen Sprachkenntnisse auf.
Seine theologischen Studien absolvierte Darwin ohne Begeisterung und schätzte sie als Zeitverschwendung ein.[8] In den Sommerferien 1828, die er in Barmouth verbrachte, musste er Nachhilfe in Mathematik in Anspruch nehmen. Er verschob auf Anraten seines Tutors John Graham (1794–1865), dem späteren Bischof von Chester, seine erste Vorprüfung, das sogenannte Little Go.[9] Nach zweimonatiger Vorbereitungszeit bestand er im März 1830 das Little Go schließlich mit Leichtigkeit.[10] Ab November 1830 bereitete er sich zielstrebig auf die Abschlussprüfung vor [11] und musste dazu auch die Schriften von William Paley lesen, dessen logische Argumentation ihm Freude bereitete, mit denen er sich aber inhaltlich nicht auseinandersetzte.[12] Am 22. Januar 1831 bestand er seine Abschlussprüfung, die Fragen zu Paley, Euklid sowie den griechischen und lateinischen Klassikern umfasste, als zehntbester von 178 Studenten.[13] Die Urkunde für den ersten akademischen Grad Baccalaureus Artium konnte er erst am 26. April 1831[14] entgegennehmen, da er aufgrund der am Anfang des Studiums versäumten Zeit noch zwei Semester in Cambridge bleiben musste.[15]
Zu Beginn seines Studiums am Christ’s College traf Darwin seinen Großcousin William Darwin Fox (1805–1880), der ihn in die Insektenkunde einführte und durch den er zu einem leidenschaftlichen Sammler von Käfern wurde. In den Sommermonaten unternahm er zahlreiche entomologische Exkursionen, die ihn meist nach Nord-Wales führten, und begleitete dabei beispielsweise Frederick William Hope (1797–1862), George Leonard Jenyns (1763–1848) sowie Thomas Campbell Eyton und dessen Vater Thomas Eyton. Eine weitere kleine wissenschaftliche Anerkennung wurde ihm zuteil, als sein Name in dem im Juli 1829 erschienen Werk Illustrations of British Entomology von James Francis Stephens genannt wurde.[16]
Hohe Wertschätzung brachte Darwin den Botanikvorlesungen von John Stevens Henslow entgegen. Durch seinen Großcousin Fox erhielt er Einladungen zu den regelmäßig in Henslows Haus stattfindenden Abenden, die dieser für Studenten die noch keinen Abschluss hatten, durchführte. Zwischen beiden entwickelte sich eine Freundschaft, die lebenslang anhielt und die Darwin als einflußreichste seines gesamten Werdeganges charakterisierte.[17]
Während seines letzten Jahres[18] in Cambridge las er John Herschels Einführung in das Studium der Naturphilosophie[19] und Alexander von Humboldt Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.[20] Aus Humboldts Werk machte er sich zahlreiche Notizen zur Kanarischen Insel Teneriffa und begann im April 1831 eine Reise dorthin zu planen.[21] Er fing an Spanisch zu lernen[22], was ihm Mühe bereitete.[23] Er holte Informationen über Kosten und Termine von Passagen nach Teneriffa ein[24] und musste enttäuscht feststellen, dass er die Reise nicht vor Juni 1832 antreten könnte.[25]
Bereits im Frühjahr 1831 hatte Henslow ihn überzeugt, sich mit Geologie zu beschäftigen, und ihn mit Adam Sedgwick, Professor für Geologie in Cambridge, bekannt gemacht.[26] Im August 1831 unternahmen Darwin und Sedgwick eine geologische Exkursion nach Nordwales, auf der sie etwa eine Woche gemeinsam verbrachten.[27] Nach seiner Rückkehr nach Shrewsbury am 29. August 1831 fand Darwin einen Brief von Henslow vor, in dem er ihm mitteilte, dass er Darwin als Begleiter für Robert FitzRoy, Kapitän der HMS Beagle, empfohlen hatte, der eine auf zwei Jahre angelegte Expedition plante.[28] Das Ziel dieser Expedition waren Patagonien und Feuerland an der Südspitze Südamerikas, um dort die unter Philip Parker King in den Jahren 1826 bis 1830 begonnenen kartographischen Messungen fortzusetzen. Ebenso sollten die Küsten Chiles, Perus und einiger Südseeinseln vermessen werden.
Die Reise mit der H.M.S. Beagle
Sturm verzögerte den Beginn der Vermessungsfahrt der HMS Beagle immer wieder. Erst am 27. Dezember 1831 stach die HMS Beagle von Devonport aus in See. Die Fahrt begann für Darwin unerfreulich. Er wurde sofort seekrank, und sein Traum, die von Humboldt geschilderte tropische Vegetation auf der kanarischen Insel Teneriffa zu erkunden, scheiterte an einer Quarantäne, die aufgrund eines Choleraausbruchs in England über die Insel verhängt worden war. Die erste Zeit auf dem Schiff verbrachte Darwin damit, die in einem selbstkonstruierten, engmaschigen Schleppnetzes gefangenen Organismen (die später als Plankton bezeichnet wurden) mikroskopisch zu untersuchen. Er begann sein erstes Notizbuch, dem zahlreiche weitere folgten, die er während der Reise zu unterschiedlichen Zwecken anlegte. Es gab Notizbücher, die er ausschließlich während der Exkursionen an Land benutzte. In seinen geologischen und zoologischen Notizbüchern ordnete er die an Land gewonnen Eindrücke. In weitere Notizbücher trug er seine gesammelten Proben sorgsam nummeriert ein.
Am 16. Januar 1832 konnte er bei Praia auf der kapverdischen Insel Santiago zum ersten Mal an Land gehen. Henslow hatte Darwin geraten, sich mit dem ersten Band Charles Lyells Principles of Geology zu beschäftigen, und FitzRoy hatte ihm diesen vor der Abfahrt geschenkt. Während des gut dreiwöchigen Aufenthalts entdeckte er in den Klippen der Küste ein in 45 Fuß Höhe verlaufendes waagerechtes Muschelschalenband und fand zum ersten Mal eine Bestätigung für Charles Lyells Theorie der langsamen, graduellen, geologischen Formung der Erde.
Fast genau zwei Monate nach der Abreise erreichte die HMS Beagle am 28. Februar 1832 die südamerikanische Ostküste und ankerte vor Salvador da Bahia in der Allerheiligenbucht. Darwin genoss den Tropischen Regenwald, beobachte aber auch die Auswirkungen der Sklaverei, die er aufgrund seiner Erziehung ablehnte und über die er mit FitzRoy in Streit geriet. Zwei Monate später erhielt er in Rio de Janeiro die erste Post von zu Hause. Während die HMS Beagle die Vermessung der Küste fortsetzte, blieb Darwin mit einigen Besatzungsmitgliedern in Rio und unternahm geologische Untersuchungen entlang der Küste. In der zweiten Augusthälfte schickte er von Montevideo aus die ersten Proben, hauptsächlich geologische, an Henslow in Cambridge. Bis Ende Juni 1835 folgten sieben weitere Sendungen mit pflanzlichen, zoologischen, fossilen und geologischen Fund- und Sammelstücken.
Am 22. September 1832 entdeckte Darwin, der sich in Begleitung von Kapitän FitzRoy und Leutnant Sulivan befand, in der Nähe von Bahía Blanca in Punta Alta seine ersten Fossilien. Besser ausgerüstet konnte er am nächsten Tag den Schädel eines Megatheriums und ein gut erhaltenes Skelett eines Scelidotheriums, beides Riesenfaultiere, freilegen. Aus dem Fundort, einer Muschelschicht, schloss er, dass sich die beiden ausgestorbenen Tiere gemeinsam mit den sie umgebenden Muscheln entwickelt haben müssten.[29]
Über den Jahreswechsel hielt sich die HMS Beagle im Gebiet von Feuerland auf, wo für Reverend Richard Matthews und die drei in England erzogenen Feuerländer, die FitzRoy bei seiner ersten Fahrt nach England gebracht hatte, eine Missionsstation errichtet wurde. Als die HMS Beagle ein gutes Jahr später die Missionsstation erneut aufsuchte, war diese verlassen. Nach einem einmonatigen Aufenthalt auf den Falklandinseln, setzt die HMS Beagle ihre Vermessungsarbeiten vor der südamerikanischen Ostküste fort. Darwin unternahm währenddessen von April bis November 1833 Exkursionen in das Landesinnere von Uruguay und Argentinien. Anfang Dezember verließ die HMS Beagle Montevideo, vermaß unter anderem Teile der Magellanstraße und erreichte am 11. Juni 1834 den Pazifischen Ozean.
Über Chiloé, Valdivia und Concepción segelte die HMS Beagle nach Valparaíso, wo sie am 23. Juli 1834 eintraf und mehrere Wochen blieb. Darwin unternahm vom 14. August bis 27. September 1834 seine erste Expedition durch die Anden, die ihn ein erstes Mal bis nach Santiago führte. Während die HMS Beagle den Chonos-Archipel kartographierte, erkundete Darwin die geologische Beschaffenheit der Insel Chiloé. Am 20. Januar 1835 wurde er Zeuge des schweren, dreiminütigen Erdbebens bei Valdivia. Sechs Wochen später sahen er und FitzRoy bei einem Ritt zur schwer zerstörte Stadt Concepción die Auswirkungen dieses Bebens. Als Darwin Anfang März 1835 die Insel Quiriquina bei Talcahuano untersuchte, fand er maritimes Gestein, das infolge des Erdbebens um einige Fuß gehoben worden war, worin er eine weitere Bestätigung für Lyells Theorie und das Alter der Erde sah. Bei einer zweiten Anden-Expedition im März und April entdeckte er, dass das weit von der Küste entfernte Gebirge hauptsächlich aus maritimer Lava bestand. Er fand fossile und versteinerte Bäume und begann erste eigene geologische Theorien zu entwickeln. Bis zum Sommer unternahm er zwei weitere Expeditionen, bei denen er die Anden untersuchte.
Nach den bis zum 7. September 1835 andauernden Vermessungsarbeiten vor Chile und Peru verließ die HMS Beagle die südamerikanische Westküste endgültig und brach in Richtung Galápagos-Inseln auf. Am 18. September betrat Darwin auf San Cristóbal zum ersten Mal eine der zahlreichen Inseln. Die Vermessungsarbeiten dauerten gut einen Monat. Darwin konnte auf den Inseln Floreana, San Salvador sowie Isabela Untersuchungen vornehmen und Tier- und Pflanzenproben sammeln. Nicholas Lawson, der Direktor des Strafgefangenenlagers auf der Insel Floreana, machte ihn darauf aufmerksam, dass sich die auf den Galápagos-Inseln lebenden Schildkröten anhand ihrer Panzer bestimmten Inseln zuordnen ließen. Darwin schenkte zu diesem Zeitpunkt weder dieser Bemerkung, noch den Galapagosfinken, besonders viel Aufmerksamkeit.
Am 20. Oktober 1835 brach die HMS Beagle zur Durchquerung des Pazifischen Ozeans auf. Gut drei Wochen später wurde das Atoll Puka-Puka im Tuamotu-Archipel gesichtet und am Abend des 15. November Tahiti erreicht, wo das Schiff zehn Tage ankerte. In Papeete trafen Darwin und FitzRoy mit der tahitianische Königin Pomaré IV. zusammen. Während der Weiterfahrt nach Neuseeland vervollständigte Darwin seine Theorie über die Entstehung der Korallenriffe, die er bereits an der Westküste Südamerikas begonnen hatte. Den zehntägigen Aufenthalt im Norden der neuseeländischen Nordinsel nutzte Darwin erneut zu Exkursionen in das Landesinnere. Er besuchte die Missionare der Te Waimate Mission und untersuchte bei Kaikohe eigentümliche Formationen aus Kalkstein.
Als die HMS Beagle am 12. Januar 1836 die Sydney Cove im Port Jackson vor Sydney in Australien erreichte, war Darwin erleichtert, endlich wieder in einer großen, kultivierten Stadt zu sein. Auf einem seiner Ausflüge begegnete er einigen Aborigines, die ihm – für einen Schilling – ihre Fähigkeiten im Speerwurf demonstrierten. In der Stadt besuchte er Philip Parker King und den ehemaligen Schiffsmaler der HMS Beagle Conrad Martens. In Hobart genoss Darwin, den es immer mehr nach Hause zog, die Gastfreundschaft des Generalvermessungsinspektors George Frankland (1800–1838). Er feierte seinen 27. Geburtstag, fing Skinke und Schlangen, sammelte Plattwürmer und zahlreiche Insekten, darunter Mistkäfer, die er in Kuhfladen fand. Die letzte Station des zweimonatigen Aufenthaltes in Australien war Albany.
Die weitere Fahrt führte ihn auf die Kokosinseln sowie nach Mauritius und an der Südspitze von Madagascar vorbei nach Südafrika. Am 31. Mai 1836 warf die HMS Beagle bei Simon’s Town in der Simons Bay die Anker. Darwin eilte auf dem Landweg nach Kapstadt wo er sich mit John Herschel traf. Am 29. Juni kreuzte die HMS Beagle den Südlichen Wendekreis. Auf St. Helena untersuchte er die Geologie der Insel und auf Ascension bestieg er den 859Meter hohen Vulkanberg Green Mountain. Das heimatliche England rückte näher, doch am 23. Juni entschied sich Kapitän FitzRoy, noch einmal nach Salvador da Bahia an der Küste von Südamerika zurückzukehren, um fehlerhafte Messungen auszuschließen. Am 17. August 1836 ging die HMS Beagle endgültig auf Heimatkurs. Nochmals wurde Praia angesteuert und ein Zwischenstopp bei der Azoren-Insel Terceira eingelegt. Am 9. Oktober gegen 9 Uhr morgens lief das Schiff in den englischen Hafen Falmouth ein. Darwin machte sich sofort auf den Weg zu seiner Familie in Shrewsbury.
Während der Rückreise hatte Darwin seine Notizen geordnet und mit Unterstützung seines Gehilfen Syms Covington (1816?–1861) insgesamt zwölf Kataloge seiner Sammlungen erstellt.[30] Seine zoologischen Notizen umfassten 368 Seiten, die über Geologie waren mit 1383 Seiten etwa vier mal so umfangreich. Zusätzlich hatte er 770 Seiten seines Reisetagebuchs beschrieben. 1529 in Spiritus konservierte Arten sowie 3907 Häute, Felle, Knochen, Pflanzen etc. waren das Ergebnis seiner fast fünfjährigen Reise.[31]
Rückblickend resümierte Darwin später in seiner Autobiographie: „Die Reise mit der Beagle war das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben und hat meinen gesamten Werdegang bestimmt.“[32]
Zurück in England - Anfänge der Evolutionstheorie
Darwins Name war bereits vor seiner Rückkehr in wissenschaftlichen Kreisen bekannt, da Henslow, ohne dass Darwin davon wusste, einige seiner Briefe als Letters on Geology veröffentlicht hatte. Für kurze Zeit weilte Darwin in Cambridge, wo er an seiner Sammlung und am Manuskript des Journal arbeitete.[33] Im März 1837 ließ er sich in London nieder. Hier schloss er Freundschaft mit einigen Wissenschaftlern, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollten: Charles Lyell und Thomas Huxley. Die anfängliche Freundschaft mit Richard Owen zerbrach später wieder.[5]
In die Zeit nach der Rückkehr fallen Darwins erste Gedanken über den Artwandel, auch wenn Darwin selbst später diesen Zeitpunkt auf die Zeit in Südamerika vorverlegte.[5][34] Sein Glaube an die Konstanz der Arten wurde vor allem durch die Arbeiten von John Gould im März 1837 über die Vögel der Galápagos-Inseln erschüttert. Darwin hatte den Vögeln auf der Reise kaum Aufmerksamkeit geschenkt, die gesammelten Exemplare auch nicht den einzelnen Inseln zugeordnet. Gould zeigte nicht nur, dass alle Arten Finken (heute als Darwin-Finken zusammengefasst) sind, sondern dass bei diesen Vögeln keine klare Trennung zwischen Arten und Varietäten möglich ist, also keine klaren Artgrenzen bestehen.[34]
Darwins Überlegungen zur Entstehung der Arten waren begleitet von einer breit gefächerten Lektüre in den Bereichen Medizin, Psychologie, Naturwissenschaften, Philosophie, Theologie und politische Ökonomie. Das Ziel Darwins war es, die Entstehung von Arten auf naturwissenschaftliche Grundlagen zu stellen. Insbesondere lehnte er die Naturtheologie Paleys ab, in deren Tradition er in Cambridge ausgebildet worden war. Philosophisch war Darwin vor allem geprägt durch den englisch-schottischen Empirismus in der Tradition David Humes, aber auch durch Adam Smith, etwa dessen Theorie der moralischen Gefühle. Wissenschaftstheoretisch hatten John Herschel und William Whewell großen Einfluss auf ihn mit ihrer Betonung der Bedeutung von Induktion und Deduktion für die Naturwissenschaften.
Darwin war spätestens im Sommer 1837 von der Veränderlichkeit der Arten überzeugt und begann, Informationen zu diesem Thema zu sammeln. In den folgenden 15 Monaten entstand langsam und schrittweise die Theorie, die er erst 1859 veröffentlichen sollte.[34] Im März 1837, begann Darwin mit der Niederschrift seiner Überlegungen in den Notizbüchern, Notebooks on Transmutation. Auf Seite 36 des ersten Notizbuches, “B” entwarf er unter der Überschrift I think eine erste Skizze von der Entstehung der Arten durch Aufspaltung.[35] Eine wichtige Grundlage für seine Überlegungen war der Gradualismus, wie er ihn aus Lyells Principles of Geology kannte. Die Veränderlichkeit der Arten und den Auslesemechanismus (künstliche Selektion) kannte Darwin aus der Tier- und Pflanzenzucht.
Als Kristallisationspunkt für die Ausformulierung seiner Selektionstheorie erwies sich das Wachstumsgesetz, wie es Thomas Robert Malthus in seinem Essay on the Principle of Population formuliert hatte und den Darwin im September 1838 las: Wie der Mensch bringen alle Arten mehr Nachkommen hervor als überleben können. Damit hatte Darwin eine Theorie, mit der ich arbeiten konnte, wie er es 1858 in einem Brief an Hooker ausdrückte. Von diesem Überschuss an Individuen, die sich voneinander unterscheiden, überleben diejenigen, die an ihre Umweltbedingungen am besten angepasst sind.
Die Zeit in London war die arbeitsreichste in Darwins Leben. Neben seinen umfangreichen Studien zur Evolution gab er die mehrbändige The Zoology of the Voyage of H.M.S. Beagle (1838-1843) heraus. Sein zunächst als 3. Band von The narrative of the voyages of H.M. Ships Adventure and Beagle (1839) veröffentlichtes Reisebuch war derart erfolgreich, dass es unter dem Titel Journal of Researches noch im gleichen Jahr separat veröffentlicht wurde. Es ist heute noch neben den Origins sein meistgelesenes Buch. Darwin verfasste die auf seinen Beobachtungen während der Reise beruhenden geologischen Arbeiten über den Aufbau der Korallenriffe (1842) und Vulkane (1844), die wesentlich zu seiner Reputation als Wissenschaftler beitrugen. Wie sehr Darwin in der Gesellschaft verankert war, zeigen seine Aufnahme in die Royal Society, den Athenaeum Club, seine Berufung zum Rat der Geological Society of London und zum Rat der Royal Geographical Society.[36]
Am 29. Januar 1839 heiratete Darwin seine Cousine Emma Wedgwood (1808–1896), die Tochter seines Onkels Josiah Wedgwood. In der Londoner Zeit kamen die Kinder William (*1839) und Anne (*1841) zur Welt, Mary Eleanor (*1842) verstarb nach wenigen Wochen. An William studierte Darwin die Ausdrucksformen des Säuglings, die er später veröffentlichen sollte.[5]
Rückzug nach Down House
Im November 1842 zog sich die Familie Darwin in das Down House in die kleine, südlich von London gelegenen, Ortschaft Down zurück. Hier erhoffte sich Darwin mehr Ruhe für seine angeschlagene Gesundheit. Im September 1843 kam Tochter Henrietta zur Welt, der noch weitere sechs Kinder (George Howard *1845, Elizabeth *1847, Francis *1848, Leonard *1850, Horace *1851 und Charles Waring *1856) folgten.
1843 begann seine Freundschaft mit dem Botaniker Joseph Dalton Hooker, der neben Lyell und Huxley zu seinem stärksten Verbündeten werden sollte. Als ihm Darwin 1844 brieflich erste Hinweise auf seine Evolutionstheorie gab[37] antwortete Hooker, dass seiner Meinung nach „eine graduelle Veränderung der Arten” stattfände und er, Hooker, auf Darwins Ansatz gespannt sei, da er bisher noch keine zufriedenstellende Erklärung gehört habe.[38] Darwin hatte seine Überlegungen bereits 1842 in einer 35-seitigen Skizze dargelegt, und arbeitete diese 1844 zu einem rund 230-seitigen Essay aus, den jedoch nur seine Frau Emma zu lesen bekam und den sie im Falle seines Todes veröffentlichen sollte. Beide stimmten in Inhalt und Grundstruktur bereits mit dem 1859 veröffentlichten Buch überein[39]. War die Transmutationslehre bis jetzt vorwiegend auf sozialistische, revolutionäre und teilweise medizinische Kreise beschränkt geblieben, hielt sie ab 1844 Einzug in bürgerliche Kreise: mit dem von Robert Chambers anonym publizierten Werk Vestiges of the Natural History of Creation, das - brillant, aber journalistisch geschrieben - rasch zum Bestseller wurde, in wissenschaftlichen Kreisen jedoch nicht Ernst genommen wurde.
Die nächsten Werke, die Darwin veröffentlichte, waren die Geologie der Vulkaninseln (Geological observations on the volcanic islands visited during the voyage of H.M.S. Beagle) 1844 und die Geologischen Beobachtungen in Südamerika (Geological observations on South America) 1846. Damit waren die Sammlungen seiner Weltreise nach 10Jahren aufgearbeitet, mit Ausnahme eines seltsamen Exemplars der Rankenfußkrebse. Aus der Beschreibung dieser Art entwickelte sich eine acht Jahre dauernde Bearbeitung aller bekannter lebender und fossiler Arten der gesamten Ordnung. Diese Arbeit, für die er 1854 die Royal Medal erhielt, machte ihn zu einem anerkannten Taxonomen. Darwin selbst erkannte während der Arbeit die Bedeutung der Variation. In dieser Zeit entwickelte sich Hooker zum einzigen Ansprechpartner zum Thema Evolution, 1847 gab er ihm seinen Essay zu lesen.
1849 begab sich Darwin zu einer 16–wöchigen Wasserkur, die seine Gesundheit wieder wesentlich besserte. In den folgenden Jahren benötigte Darwin immer wieder Kuren, um sich zu erholen. Nach dieser Kur konnte er seine Arbeit an den Rankenfußkrebsen wieder aufnehmen. Er erhielt Sammlung aus ganz Europa, den USA und allen britischen Kolonien. 1851 erkrankte seine Lieblingstochter Annie schwer und starb am 23. April. Dieser Tod zerstörte die letzten Reste seines Glaubens an eine moralische, gerechte Welt, der seit seiner Rückkehr von der Beagle-Reise bereits stark geschwunden war.[40]
1854, nach Beendigung der Arbeit an den Rankenfußkrebsen, nahm Darwin die Arbeit an der Evolutionstheorie wieder auf. In diesen Jahren führte Darwin unzählige Experimenten durch. Er versuchte eine Lösung für das Problem der Besiedlung von Inseln zu finden. Dafür untersuchte beispielsweise die Überlebensfähigkeit von Pflanzensamen in Salzwasser und zog Vogelkot oder das Gewölle von Raubvögeln als Ausbreitungsmechanismen in Betracht. Für das Thema der Variation wandte er sich den Tierzüchtern zu, sammelte von diesen Informationen und begann selbst, Tauben zu züchten, um künstliche Selektion an der Arbeit zu sehen.
Charles Lyell, dem Darwin vieles über seine Ansichten mitteilte, drängte Darwin 1856 dazu, seine Erkenntnisse zu publizieren, damit ihm nicht jemand anders zuvorkomme. Grund für dieses Drängen war ein Aufsatz von Alfred Russel Wallace, On the Law which has regulated the introduction of New Species, dessen Tragweite Darwin selbst aufgrund der verklausulierten Sprache Wallace' verkannte. Darwin begann nun, seine Erkenntnisse in einem Manuskript niederzuschreiben, das den Titel Natural Selection trug. Die Arbeit zog sich aufgrund des umfangreichen Materials hin, im März 1858 waren 10Kapitel, rund zwei Drittel des geplanten Umfangs, fertig. In der Zwischenzeit hatte er in Asa Gray in Harvard einen weiteren Korrespondenzpartner gefunden und ihm in einem Brief vom 5. September 1857 eine Zusammenfassung seiner Theorie dargelegt. Im Juli 1857 wurde Darwin zum Friedensrichter gewählt.
Über die Entstehung der Arten
Wie berechtigt Lyells Drängen auf Publikation war, zeigte sich, als Darwin am 18. Juni 1858 Post von Wallace von der Molukken-Insel Ternate bekam mit einem Manuskript namens „On the Tendency of Varieties to depart indefinitely from the Original Type“, das im Wesentlichen die gleichen Erklärungsmuster wie Darwins eigene Arbeit enthielt. Er verwendete den Begriff struggle for existence und stützte sich auf die Arbeiten von Lyell, Malthus, Lamarck und die Vestiges. Wallace bat Darwin um Weiterleitung des Manuskripts an Lyell, ohne jedoch eine mögliche Veröffentlichung zu erwähnen. Darwin sah sein Werk zerstört. Hinzu kam, dass sein jüngster Sohn Charles Waring, am 23. Juni an Scharlach erkrankte und wenige Tage später starb. Darwin überließ die Angelegenheit seinen Freunden Lyell und Hooker. Diese fanden die Lösung in einem gentlemanly agreement in einer gemeinsamen Vorstellung der Arbeiten Wallace' und Darwins, die am 1. Juli 1858 in einer Sitzung der Linnean Society stattfand. Weder die Verlesung noch der folgende Druck führte zu wesentlichen Reaktionen.
Anstatt sein Buch Natural Selection zu beenden, was zu lange gedauert hätte, entschloss sich Darwin, eine Zusammenfassung des Buches zu publizieren. Aus dem geplanten Aufsatz wurde letztendlich wiederum ein Buch von rund 155.000 Wörtern. Hooker las und korrigierte das Manuskript. Der Verleger John Murray akzeptierte auf Vermittlung Lyells das Manuskript ungesehen und übernahm sogar die Kosten von 72Pfund, die alleine Darwins Änderungen in den Korrekturfahnen verursachten. Die Erstauflage wurde von den ursprünglich geplanten 500 auf 1250 erhöht. Am 22. November 1859 ging die vollständig vorbestellte Auflage von On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (Die Entstehung der Arten) an den Handel und kam am 24. November in den Verkauf. Im Buch legte Darwin im Wesentlichen fünf voneinander unabhängige Theorien dar: die Evolution als solche; die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen; der Gradualismus, die Änderung durch kleinste Schritte; Vermehrung der Arten bzw. Artbildung in Populationen; und die Natürliche Selektion als wichtigster, wenn auch nicht einziger Mechanismus der Evolution[41][42]
Die Tatsache der Evolution wurde in den nächsten Jahren in Wissenschaftskreisen praktisch universell akzeptiert, sehr viel weniger allerdings die Natürliche Selektion, mit der sich selbst Darwins Freunde Lyell und Asa Gray nicht anfreunden konnten. John Herschel kritisierte sie scharf als law of the higgledy-piggledy. Karl Ernst von Baer stellte sie sogar in die Nähe eines Wissenschaftsmärchens. Darwins klerikale Freunde, wie Sedgwick, lehnten die Evolutionstheorie ab, ebenso Richard Owen. Darwins Freunde unterstützten das Buch mit mehreren Rezensionen, so Huxley in der Times.
Im Juni 1860 kam es an der Universität Cambridge während einer Sitzung der British Association for the Advancement of Science zwischen dem Unterstützer der Evolutionsgedankens Thomas Huxley und einem ihrer erklärten Gegner Samuel Wilberforce (1805–1873), in Abwesenheit von Darwin, zu einer erbitterten Debatte. In deren Verlauf argumentierten Wilberforce und Darwins ehemaliger Kapitän Robert FitzRoy gegen und seine enger Freund Joseph Dalton Hooker für die Theorie. Beide Seiten beanspruchten den Sieg in der Debatte für sich. In den Augen der Öffentlichkeit waren die Verteidiger von Darwins Theorie überzeugender.[43]
Die weiteren Bücher nach Entstehung der Arten
In den nächsten Jahren veröffentlichte Darwin noch zwei bedeutsame Bücher, in denen er Aspekte der Evolutionstheorie wesentlich detaillierter ausarbeitete, als es in Entstehung der Arten möglich gewesen war.
In The Variation of Animals and Plants under Domestication, das Ende Januar 1868 erschien, legte er all das von ihm in den letzten Jahrzehnten gesammelte Material vor, dass die Variation, die Veränderlichkeit, von Tieren und Pflanzen unter dem Einfluss des Menschen zeigt. In diesem Buch legte er auch seine Spekulationen über einen Vererbungsmechanismus dar, die Pangenesistheorie. Sie stieß selbst bei seinen Freunden auf Ablehnung und sollte sich auch als falsch herausstellen.
Die Abstammung des Menschen zu erörtern, hatte Darwin bis zu diesem Zeitpunkt immer vermieden. Erst im 1871 erschienenen Buch The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex legte Darwin dar, was zu diesem Zeitpunkt bereits weithin diskutiert wurde und was bereits Huxley (1863) und Haeckel öffentlich vertreten hatten: die Verwandtschaft des Menschen mit den Affen, mit dem er gemeinsame Vorfahren teilt. Die von Darwin als erstem ausgesprochene Vermutung, der Mensch habe sich in Afrika entwickelt, sollte sich viel später als richtig erweisen. Darwin führte auch die geistigen Eigenschaften des Menschen auf evolutive Vorgänge zurück. Weiters betonte die Einhe
