Dekonstruktion

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Der Begriff Dekonstruktion wird von Derrida u.a. unter Rückgriff auf eine Analyse der Natur von Zeichen entwickelt.

Der Begriff Dekonstruktion (auch Dekonstruktivismus) wurde von Jacques Derrida geprägt und kennzeichnet sowohl einen Ansatz der systematischen Philosophie wie eine Methode bzw. Praxis der Werkinterpretation. Kennzeichnend dafür sind u.a. eine Analyse der Begriffe Zeichen, Sinn und Bedeutung, die diese an kontingente Faktoren bindet, die ebenso wenig theoretisch oder praktisch zu sichern sind wie etwa der Status des Subjekts.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Begriff der Dekonstruktion und Einflüsse

Historisch knüpft der Begriff der Dekonstruktion u.a. an Martin Heidegger an. Dieser hatte von einer „Destruktion“ der abendländischen Tradition der Metaphysik[1] und einer methodischen Verschränkung von Konstruktion und Destruktion[2] gesprochen. Weitere Einflüsse liegen im Strukturalismus und u.a. daraus hervorgegangenen Theorien über die Natur und den Gebrauch von Zeichen (sog. Semiotik).[3] Zu den philosophischen Grundlagen der Dekonstruktion vgl. den Hauptartikel Jacques Derrida.

[Bearbeiten] Methodische Akzente dekonstruktiver Werkinterpretationen

Derrida selbst hat sich, wie das nachfolgende Zitat deutlich macht, dagegen ausgesprochen, seine Philosophie als eine literaturwissenschaftliche Methode zu kanonisieren und beispielsweise zu einem Regelwerk auszuarbeiten. Er selbst wie auch ihm nahestehende Interpreten sprechen stattdessen gern von einer Haltung der Dekonstruktion. Trotzdem wurden seine Ideen innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft aufgegriffen, anfangs v.a. im angelsächsischen Kontext, insbesondere innerhalb der sog. Yale-School. Dabei wird beispielsweise davon ausgegangen, dass die Auseinandersetzung mit einem konkreten Text selbst Regeln generieren kann.[4]

Was ich Dekonstruktion nenne, kann natürlich Regeln, Verfahren oder Techniken eröffnen, aber im Grunde genommen ist sie keine Methode und auch keine wissenschaftliche Kritik, weil eine Methode eine Technik des Befragens oder der Lektüre ist, die ohne Rücksicht auf die idiomatischen Züge des Gegenstandes in anderen Zusammenhängen wiederholbar sein soll. Die Dekonstruktion hingegen befaßt sich mit Texten, mit besonderen Situationen, mit der Gesamtheit der Philosophiegeschichte, innerhalb derer sich der Begriff der Methode konstituiert hat. Wenn die Dekonstruktion also die Geschichte der Metaphysik oder die des Methodenbegriffs befragt, dann kann sie nicht einfach selbst eine Methode darstellen. Die Dekonstruktion setzt die Umwandlung selbst des Begriffes des Textes und der Schrift voraus. ... Ich nenne eine Institution ebenso wie eine politische Situation, einen Körper oder einen Tanz >Text<, was offenbar zu vielen Mißverständnissen geführt hat, weil man mich beschuldigte, die ganze Welt in ein Buch zu stecken. Das ist offensichtlich absurd.“

Derrida: „Falter“-Interview 1987[5]

Dialektische Systemversuche hatten vorausgesetzt, dass sich grundsätzlich Gegensätze und Gegenthesen zu einer Synthese fügen lassen. Die Dekonstruktion ist demgegenüber skeptisch, etwa insofern sie betont, dass in einer derartigen Synthese immer eine der beiden vorausliegenden Opposita bevorzugt wird. In einem besonders einfachen Beispiel besteht ein Text nicht aus These und Antithese, sondern aus einer Vielzahl weiterer Perspektiven, die gleichzeitig vorhanden sind und häufig in Konflikt zueinander stehen. Dieser Konflikt ist aber nicht direkt manifest, sondern erst mittels dekonstruktiver Analysen sichtbar zu machen.

Die Dekonstruktion geht grundsätzlich davon aus, dass die Thematisierung bestimmter Gegenstände (sei es in wissenschaftlicher Theoriebildung, sei es in anderen Wissenssystemen, Darstellungsformen oder Gattungen) andere zugleich ausgrenzt. Anstatt nur auf explizit mitgeteilte Information konzentrieren sich dekonstruktivistische Analysen daher auch und besonders auf diejenigen Faktoren, welche diese Thematisierung erst ermöglichen. Systematisch grundlegend dafür ist eine sinnkritische Einklammerung der Sinn- und Verweisungsbeziehungen etwa der Elemente eines Textes. Dies ermöglicht dann Fragen zu stellen wie: welche Ausgrenzungs- und Etablierungsmechanismen, welche Strategien des Glaubwürdigmachens, welche hierarchischen Strukturen eines Signifikantengefüges erlauben, das entsprechende materielle Gefüge als sinnhaften Bedeutungsträger zu verstehen und auf eine bestimmte Bedeutung oder „Aussageabsicht“ zu reduzieren? An welche Konstitutionsbedingungen sind die entsprechenden Sinn- und Geltungsansprüche gebunden? Dies kann insbesondere auch Konflikthaftigkeit, Aggressivität, verdeckte Gehalte und Intentionen sichtbar machen.

Wenn jede Äußerung als solche ein auch gewaltsamer Ausschluss von Nichtgesagtem, ebenfalls Sagbarem ist, fällt dies naturgemäß auch auf die Äußerungen Derridas selbst zurück. Er gesteht dies offen ein und versucht, dem durch Strategien zu begegnen wie etwa durch eine interventionistische, dezidiert standortbezogene Stilform, durch experimentelle Methoden, welche verunmöglichen, das Gesagte auf Eindeutigkeiten zu fixieren, oder durch Strategien der Selbstzurücknahme: der Rezipient wird „ent-täuscht“ in dem Doppelsinne, dass erstens das, was er verstanden zu haben meinte, enttäuschenderweise eine Täuschung war und zweitens dies als Täuschung solche sichtbar wird. An- und Abwesenheit von Wahrheit wird sichtbar, indem nur insofern etwas erblickt wird, als zugleich anderes aus dem Blickfeld ausgeschlossen und dieser Ausschluss selbst sichtbar wird.[6]

U.a. durch die Bindung an kontingente extrinsische Faktoren der Sinnerzeugung wird die Abgrenzung eines Textes als handhabbares Objekt problematisch. Insbesondere sind Texte nicht nur in ihrer inneren Struktur, sondern auch ihrem Bezug auf andere Texte zu erfassen. Dies verbindet die Dekonstruktion mit Theorien der Intertextualität, wie sie etwa Michail Bachtin oder Julia Kristeva entwickeln.[7] Andererseits bezieht die Dekonstruktion Begriffe auf ihre Geschichte und Etablierungsweisen zurück. Von der Methode der Begriffsgeschichte unterscheidet sie jedoch, dass die Dekonstruktion eine intrinsisch stabile Begriffsbedeutung für eine ungedeckte Unterstellung hält.

[Bearbeiten] Gegenstände und Anwendungen der Dekonstruktion

Dekonstruktion kann als Methode auf Texte oder philosophische Theorien angewendet werden, oder aber auch als künstlerische Praxis in der bildenden Kunst, der Mode, der Musik, der Architektur (Peter Eisenmans Aura und Exzeß) oder im Film. Diese Offenheit ist darauf zurückzuführen, dass Dekonstruktion jeden potentiellen Bedeutungsträger als Text auffasst:

„Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. Und diese Verweise bleiben nie stehen. Es gibt keine Grenzen der differentiellen Verweisung einer Spur auf die andere. Eine Spur ist weder eine Anwesenheit noch eine Abwesenheit. Folglich setzt dieser neue Begriff des Textes, der ohne Grenzen ist – ich habe deshalb gesagt, auch als scherzhafte Bemerkung, es gäbe kein Außerhalb des Textes –, folglich setzt dieser neue Begriff des Textes voraus, dass man in keinem Moment etwas außerhalb des Bereichs der differentiellen Verweisung finden kann, das ein Wirkliches, eine Anwesenheit oder eine Abwesenheit wäre (…) Ich habe geglaubt, dass es notwendig wäre, diese Erweiterung, diese strategische Verallgemeinerung des Begriffs des Textes durchzuführen, um der Dekonstruktion ihre Möglichkeit zu geben (…)“[8]

Eine besondere Rolle spielt die Praxis der Dekonstruktion in sozialwissenschaftlichen Theorien, die sich mit Identitäten oder Identifizierungen beschäftigen, wie zum Beispiel der Queer Theory, feministischen Theorien, wie derjenigen Judith Butlers, oder in Kulturtheorien. Hier werden stabile Wesenheiten und Identitäten insbesondere in machtkritischem Fokus auf ihre Ermöglichungsbedingungen zurückgeführt und politische Alternativen vorgeschlagen.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Philosophisch grundlegende Werke

[Bearbeiten] Philosophische Sekundärliteratur und kritische Diskussion

  • Sammelrezensionen in: The Year's Work in Critical and Cultural Theory 1ff (1991ff): Robin Jarvis: 1 (1991), 21-31 und 2 (1992), 24-38; K. Littau: 3 (1993), 70-86 und 4 (1994), 67-93; Iian H. Grant / K. Littau: 5 (1995), 36-63 und 6 (1996), 33-44; Martin McQuillan: 13 (2003), 290-309 und 14 (2004), 255-278; Peggy Kamuf: 16 (2006), 1-18 und 17 (2007), 1-20

(siehe auch die Sekundärliteratur unter Jacques Derrida, insb. die verschiedenen Critical Reader-Sammlungen)

[Bearbeiten] Literaturtheoretische Werke

  • Jonathan Arac / Wlad Godzich / Wallace Martin (Hgg.): The Yale Critics: Deconstruction in America, Minneapolis: University of Minnesota Press 1983.
  • Georg W. Bertram: Hermeneutik und Dekonstruktion, Konturen einer Auseinandersetzung der Gegenwartsphilosophie, München: Wilhelm Fink Verlag 2002, ISBN 3-7705-3643-6
  • Harold Bloom, Paul de Man, Jacques Derrida, Geoffrey H. Hartman, J. Hillis Miller (Hgg.): Deconstruction and Criticism, New York: Continuum 1979.Klassischer Sammelband.
  • Cathy Caruth / Deborash Esch (Hgg.): Critical Encounters: Reference and Responsibility in Deconstructive Writing, New Brunswick, NJ: Rutgers University Press 1995.
  • Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek 1999. (Rowohlt) ISBN 3-499-55635-9
  • Ph. Forget (Hg.): Text und Interpretation. Deutsch-französische Debatte mit Beiträgen von J. Derrida u.a. München: Fink 1984
  • Paul de Man: Allegorien des Lesens, Frankfurt am Main 1998 (Suhrkamp).
  • Paul de Man u.a.: Deconstruction and Criticism, New York 1979 (Continuum)
  • Harro Müller: Hermeneutik oder Dekonstruktion?- In: Karl Heinz Bohrer (Hg.), Ästhetik und Rhetorik, Frankf. a. M. (Suhrkamp) 1993, S. 98ff.
  • Raman Selden (Hg.): The Cambridge History of Literary Criticism, Bd. 8: From Formalism to Poststructuralism, Cambridge University Press 1995, ISBN 0521300134 Mit Aufsätzen von Richard Rorty u.a.
  • Hugh J. Silverman: Textualities. Between Hermeneutics and Deconstruction. London 1994 (Routledge) ISBN 0-415-90818-3
  • Toni Tholen: Erfahrung und Interpretation, Der Streit zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion, C. Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1999, ISBN 3825308839
  • Jane P. Tompkins (Hg.): Reader-Response Criticism: From Formalism to Post-Structuralism, Baltimore & London: Johns Hopkins University Press 1980
  • Julian Wolfreys u.a. (Hgg.): The Edinburgh Encyclopaedia of Modern Criticism and Theory, Edinburgh: Edinburgh UP 2002
  • Peter Zima: Die Dekonstruktion: Einführung und Kritik. Stuttgart: UTB 1994.

(siehe auch die Literatur unter Hermeneutik)

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Vgl. etwa Sein und Zeit, 22f.: „Die Destruktion hat ebenso wenig den negativen Sinn, einer Abschüttelung der ontologischen Tradition. Sie soll umgekehrt diese in ihren positiven Möglichkeiten, und das besagt immer, in ihren Grenzen abstecken, die mit der jeweiligen Fragestellung und der aus dieser vorgezeichneten Umgrenzung des möglichen Feldes der Untersuchung faktisch gegeben sind“. Hier ist ein „konstruktives“ Moment bereits impliziert.
  2. U.a. in Grundprobleme der Phänomenologie, GA 24, 31 und passim. In der Paraphrase durch R. Capurro, Art. „Die Grundprobleme der Phänomenologie“, in: Lexikon philosophischer Werke, 322, geht es hier um die drei Momente: „die Erfassung des Seienden auf das Verstehen von dessen Sein (phänomenolog. Reduktion), das Entwerfen des vorgegebenen Seienden auf sein Sein und dessen Strukturen (phänomenolog. Konstruktion) und den kritischen Abbau überkommener Begriffe (Destruktion)“.
  3. Vgl. dazu Derridas Auseinandersetzungen mit dem Strukturalismus in Grammatologie und Schrift und Differenz
  4. Peter Engelmann: Postmoderne und Dekonstruktion: Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2004, S. 30.
  5. Jaques Derrida: Dekonstruktion, in: Falter, Wiener Stadtzeitung, Beilage zum „Falter“ Nr. 22a/87, laufende Nummer 302, S. 11 u. 12; Florian Roetzer „Gespräch mit Jacques Derrida
  6. H. Kimmerle: Jacques Derrida zur Einführung, S. 49.
  7. Vgl. U. Broich / M. Pfister (Hg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen 1985. H.F. Plett (Hg.): Intertextuality, Berlin u.a. 1991.
  8. Derrida, zitiert nach Peter Engelmann: Postmoderne und Dekonstruktion: Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2004, S. 20f.
Persönliche Werkzeuge


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