First Nations
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Mit First Nations (französisch: Premières nations, deutsch: Erste Nationen) werden alle indigenen Völker in Kanada bezeichnet, ausgenommen die Métis (Nachkommen von Cree und Europäern) und die im Norden lebenden Inuit. Sollen diese ebenfalls eingeschlossen werden, werden gelegentlich die Begriffe First Peoples (Erste Völker) oder Aboriginal Peoples (Ureinwohnervölker) gebraucht.
Häufig meint der Begriff First Nations dabei keine ethnische Zuordnung, sondern eine politische, was manchmal dazu führt, dass damit die Regierung der jeweiligen Ethnie gemeint ist. Auch werden damit gelegentlich Individuen bezeichnet – in der Form First Nations People – doch ist die Bezeichnung Indianer hier viel häufiger anzutreffen, auch wenn sie umstritten ist.[1]
Der Begriff First Nations tauchte wohl Anfang der 1980er Jahre erstmals auf. Damit wurde ein Begriff geschaffen, der sich von dem in Kanada ebenfalls gebräuchlichen Begriff Indian Tribe oder Band erheblich unterscheidet. Das gilt allerdings weniger für den Gebrauch im Alltag, als für den juristischen und den politischen Bereich. Eine Nation kann sich auf das Völkerrecht berufen, das häufig als „internationales Recht“ bezeichnet wird, eine ethnische Gruppe nur auf Minderheitenschutz.
Von den rund 700.000 Menschen, die sich als Indianer verstehen, zählen etwa 565.000 zu den 632 vom Staat anerkannten Stämmen, von denen allein fast 200 in British Columbia leben. Nur sie gelten im Sinne des zuständigen Ministeriums, des Department of Indian Affairs, juristisch als Indians. Etwa 133.000 gehören keinem Stamm an, gehören also zu den First Nations und sind dennoch im juristischen Sinne keine Indianer. Der Staat bestimmt also, ob eine Gruppe einen Stamm darstellt und ob ein Angehöriger einer First Nation ein Indianer ist. Dieser Definitionsgewalt setzt der Begriff der First Nations das Bestimmungsrecht der Ureinwohner entgegen. Zudem ist der staatliche Gebrauch außerhalb der Rechtssphäre unpräzise. Im Deutschen ist der Begriff „Indianer“ gleichfalls nicht unbelastet (siehe Indianerbild im deutschen Sprachraum), dennoch soll er hier aus Verständnisgründen gebraucht werden.
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[Bearbeiten] Überblick
Die indianischen Kulturen lassen sich in Kanada in fünf Kulturareale unterteilen, die sehr unterschiedliche natürliche Bedingungen aufweisen. Diese erforderten Anpassungen, die die Kulturen bis heute prägen. Während im Norden und in den Graslandschaften des Zentrums lange nomadische Gruppen vorherrschten, waren dies im Westen und Osten sesshafte, zum Teil bäuerliche oder saisonal in bestimmten Gebieten wandernde Gruppen, bei denen Fischfang von großer Bedeutung war, bei einigen Gruppen auch Robbenjagd. Dazu kamen im Westen Walfänger. Diesen Lebensformen waren auch die Behausungen angepasst, von denen Tipi und Wigwam die bekanntesten sind, doch entwickelten sich an den Großen Seen und im Westen auch Großdörfer mit Langhäusern. Vielfach bestanden Stammeskonföderationen. Schamanen waren von großer Bedeutung.
Die um 1500 beginnende Phase der Handelskontakte mit Europäern ging nach 1600 in die koloniale Phase über, in der europäische Siedler zunehmend Land beanspruchten und in der viele Stämme durch Epidemien ausgelöscht wurden. Im 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Reservate und Kanada versuchte, die Indianer zu assimilieren, indem sie zu Bauern erzogen werden sollten. Bis in die 1970er Jahre besuchten fast alle Kinder internatartige Schulen, in denen sie ihre Sprache nicht gebrauchen durften. Erst 1960 durften die Indianer erstmals an Wahlen auf Bundesebene teilnehmen, die letzten Internate wurden in den 1980er Jahren aufgelöst.
Innerhalb der First Nations besteht vielfach das traditionelle, auf voreuropäische Wurzeln zurückgehende Herrschaftssystem mit einem erblichen Häuptlingstum fort, jedoch in Konkurrenz mit dem von Kanada initiierten System der gewählten Häuptlinge und ihrer Berater. Während die First Nations sich auf Verträge berufen und zunehmend quasi-staatliche Autorität in festen Territorien verlangen, betrachtet Kanadas Regierung die Indianer eher als Gruppen von Individuen, und einige Provinzen versuchen eine Privatisierung des Landes durchzusetzen, das bisher dem jeweiligen Stamm als Ganzes gehört.
Einige First Nations sind zu einem gewissen Wohlstand gekommen, viele leiden jedoch unter Armut und gravierenden sozialen Problemen. Das gilt vor allem für ländlich lebende Gruppen, deren natürliche Umgebung durch Rohstoffexploration (Uran, Ölschiefer, vor allem in Saskatchewan, Ontario, Quebec und Alberta), Militärbasen (Cold Lake, Goose Bay[2]) und Holzeinschlag (vor allem in British Columbia, aber auch in den anderen Provinzen) zerstört worden ist. Dennoch entwickeln sich überregionale Kultur- und Wirtschaftsbündnisse, die inzwischen auch weit entfernt lebende indigene Völker einschließen.
Dabei sind Bildung und Ausbildung von großer Bedeutung, und auch die Hochschulbildung kann seit 2003 an der First-Nations-Universität von Kanada in Saskatchewan absolviert werden. Viele der kleinen Sprachen sind vom Aussterben bedroht, doch bemühen sich die Stämme und einige staatliche Einrichtungen um ihren Erhalt. Die Sprache mit den meisten Sprechern ist das Cree.
[Bearbeiten] Begriff
In Kanada werden die Angehörigen der First Nations häufig als First Nations People bezeichnet. Dieser Begriff steht in Konkurrenz zum Begriff „Indianer“ (Indian[3]), der in der Öffentlichkeit meist unscharf für alle Angehörigen der vom Staat anerkannten Indianerstämme (bands oder tribes), aber auch für all diejenigen benutzt wird, die sich selbst als Indianer betrachten, oder die von anderen dieser Gruppe zugerechnet werden.
Rechtlich exakt definiert das Indianergesetz (Indian Act) seit 1876, wer ein Indianer ist. Um als Indianer staatlicherseits anerkannt zu werden, muss man einem der anerkannten Indianerstämme angehören. Dabei ist die Zugehörigkeit zu mehreren Stämmen nicht möglich, auch wenn die Eltern verschiedenen Stämmen angehörten; ausschlaggebend ist der Vater. Selbst in Regionen, in denen die ethnischen Gruppen ein ganz anderes Verständnis hatten und keine Stämme im europäischen Sinne kannten, wurde ihnen dieses Konzept, das auf genetischer Verwandtschaft basiert, aufgezwungen. Die Diskussion um die kartographische Festlegung der so genannten „traditionellen Stammesgebiete“, die für Kompensationszahlungen und Vertragsverhandlungen größte Bedeutung hat, ist somit an Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ausgerichtet. In vielen Regionen gab es jedoch keine ausschließlichen Rechte an einem bestimmten Stammesgebiet, wie die Euro-Kanadier oft meinen, sondern vielmehr sich überlappende Nutzungsrechte, die zudem oftmals an Haus- und Wohngruppen oder an Familien, Clans und Verwandtschaftslinien, und auch an zyklische Wanderungen im Jahreslauf gebunden waren.
Der staatlichen Definitionsgewalt soll mit dem Begriff First Nation ein eigenes Verständnis entgegengesetzt werden. Dieses besteht darin, dass jeder Stamm selbst bestimmt, wer ihm angehören soll, und dass die Anerkennung als Stamm nicht von einer staatlichen Behörde abhängt. Somit gibt es zahlreiche First Nations, die nicht offiziell als Stämme gelten. Gleichzeitig wird der Charakter einer souveränen Nation mit allen Rechten und Pflichten stärker betont. Als nationales Repräsentationsorgan fungiert dementsprechend die Versammlung der First Nations. Aktuell sind rund 20 % der Angehörigen von anerkannten First Nations nicht als Indianer anerkannt. Eine Reihe von First Nations, wie die Kichesipirini in der Provinz Québec, ist wiederum nicht als Stamm (Tribe) anerkannt.
Der Begriff First Nations wurde erstmals 1982 bei der Benennung der Versammlung der First Nations offiziell benutzt.[4] Als Selbstbezeichnung der meisten ethnischen Gruppen hat er inzwischen weitgehend den Begriff Band oder Indian Band abgelöst, so dass der Begriff auch im Singular gebräuchlich ist. Während der Begriff Tribe in den Vereinigten Staaten überwiegt, ist in Kanada der Begriff Band im offiziellen Sprachgebrauch weiterhin üblich. Dabei wird er wie eine Art Oberbegriff gebraucht, der First Nations, Tribes und Bands umfasst.[5]
Obwohl der Begriff First Nations auch von den kanadischen Behörden verwendet wird, ist er juristisch nicht genau festgelegt. Daher bevorzugen die zuständigen Behörden in Rechtsfragen die Bezeichnung Indianer. So heißt das für „Indianerangelegenheiten“ zuständige Ministerium Kanadas Department of Indian Affairs and Northern Development. In den Provinzen existieren Ministerien mit ähnlichen Namen.
Im bereits genannten Indian Act werden dabei drei Arten von Indianern unterschieden:
- Status Indians: Angehörige eines Indianervolks, die als Indianer registriert oder zur Registrierung berechtigt sind. Sie werden namentlich im Indian Registry eingetragen, das vom Department of Indian Affairs and Northern Development geführt wird.
- Non-Status Indians: Angehörige eines Indianervolks, die nicht zur Registrierung als Indianer berechtigt sind.
- Treaty Indians: Angehörige der Indianervölker, die zwischen 1871 und 1921 mit der Krone Großbritanniens die elf „nummerierten Verträge“ (Numbered Treaties) abgeschlossen haben.[6]
Dazu kommt noch eine vierte Gruppe, deren Größe seit 1985 auf rund 117.000 Menschen angewachsen ist. Sie sind die Nachkommen von Indianerinnen, die Nicht-Indianer geheiratet haben. Da der Indian Act nur die patrilineare Abstammung als ausschlaggebend betrachtet – ganz im Gegensatz etwa zu den matrilinearen Irokesen – konnten diese Kinder nur auf Antrag den Indianerstatus wiedererlangen. Doch verlieren wiederum deren Kinder diesen Status, es sei denn, sie heiraten einen Status-Indianer. Diese Regelung sorgt dafür, dass diese als „Bill C-31 Indians“ bezeichnete Gruppe nach zwei Generationen weitgehend verschwunden sein wird.[7] Zudem widerspricht sie Grundrechten wie sie die Verfassung von 1982 enthält. Dazu gehören in diesem Fall nach Auffassung des Obersten Gerichtshofs von British Columbia die Gleichheit aller vor dem Gesetz, insbesondere ohne Ansehen der Rasse und des Geschlechts (McIvor Decision[8]).
Alle Mitglieder der anerkannten Stämme, die Ansprüche auf staatliche Leistungen nach dem Indianergesetz erlangen wollen, müssen ins Indian Register eingetragen sein. Dieses Indianerregister wird vom Department of Indian Affairs and Northern Development geführt.[9]
Am Begriff Status Indian hängt eine Anzahl von Rechten und Ansprüchen gegenüber der Regierung. Diese beziehen sich auf Landrechte, materielle Zuwendungen und Schutz vor Enteignungen. Der Status konnte dabei schon durch bloßes Verlassen des Reservats, durch Umzug in ein anderes Reservat oder durch Heirat verloren gehen. Jedoch scheint sich diese Entwicklung langsam umzukehren, da sich immer mehr Ureinwohner registrieren lassen und deren Geburtenüberschuss erheblich höher ist als im Rest der Bevölkerung. Die Einstellung zur Registrierung hat sich in den Städten zudem deutlich verändert. Gerade dort bestand lange die Befürchtung rassistisch motivierter Benachteiligung oder gar Verachtung, wenn die Abkunft bekannt wurde.
[Bearbeiten] Bevölkerung und Reservate
Im September 2008 führte das Department of Indian Affairs and Northern Development auf seiner Website 632 Stämme auf, die das Ministerium anerkennt (vergleiche die Liste der in Kanada anerkannten Indianerstämme).[10]. Die meisten Stämme besitzen mehrere der als reserves bezeichneten Reservate, so dass nur aus dem Zusammenhang klar wird, ob das gesamte Stammesgebiet gemeint ist oder ein Teil des Gebiets. Die Reservate sind dabei in den Provinzen und Territorien verschieden stark zersplittert.
Die 632 anerkannten First Nations verteilten sich wie folgt auf Provinzen bzw. Territorien und Reservate[11]:
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Die Provinzen und Territorien Kanadas
Von den fast genau 3000 Reservaten liegen rund 57 % in British Columbia, wo auch fast jeder dritte Stamm lebt. Während im Westen Kanadas die meisten First Nations zu finden sind, lebten die größten im Osten. Dabei weisen die Cree, deren Stämme über ein riesiges Gebiet verstreut leben, die meisten Mitglieder auf.[13] Die Irokesen, die auch als Six Nations of the Grand River bezeichnet werden, zählten im August 2008 insgesamt 19.487 registrierte Mitglieder[14] Die zehn größten Einzelstämme sind (Stand: August 2008) die
Die Volkszählung von 2006 erfasste 1.172.790 Ureinwohner, also 3,8 % der Gesamtbevölkerung, 1996 waren dies noch weniger als 800.000. Bei der Volkszählung von 2006 gaben von diesen Ureinwohnern genau 698.025 an, zu einer der First Nations zu gehören. [16] Von den fast 700.000 Indians waren allerdings nur 564.870 registriert, 133.155 hingegen nicht, womit die Zahl der nicht registrierten doppelt so schnell anwuchs, wie die Zahl der registrierten. Insgesamt wuchs die Zahl der Angehörigen der First Nations von 1996 bis 2006 um 29 %. Rund 1,3 Millionen Kanadier gaben an, indianische Vorfahren zu haben. Der Anteil der Indianer außerhalb der Reservate lag 2006 bei 60 %, während im Jahre 1996 58 % nicht in Reservaten lebten.[17] Die größten Gemeinden waren Winnipeg (25.900), Vancouver (23.515), Edmonton (22.440) und Toronto (17.275). In Saskatoon lebten 11.510, in Calgary 10.875, in Ottawa‑Gatineau 10.790, in Montréal 10.130, in Regina 9.495 und in Thunder Bay 7.420 Indianer. In Prince Rupert stellen sie mit 32 % den höchsten Bevölkerungsanteil in einer kanadischen Stadt. Die Indianer sind im Schnitt erheblich jünger als die übrige Bevölkerung. 50 % der First Nations People sind unter 23,5 Jahre alt, im übrigen Kanada liegt dieser als Median bezeichnete Wert bei 39,5 Jahren. 35 % der Indianer sind sogar jünger als 14, und es ist absehbar, dass ihr Anteil an der Bevölkerung stark steigen wird. Das Durchschnittsalter liegt bei 25, also 15 Jahre unter dem kanadischen Durchschnitt, in Saskatchewan sogar bei 20 Jahren.[18] [Bearbeiten] Sprachen und SchriftenBis ins 18. Jahrhundert gab es weder ein übergreifendes Gemeinsamkeitsbewusstsein der First Nations oder überhaupt der Indianer Nordamerikas, noch eine gemeinsame Sprache. Daher ist heute Englisch die am weitesten verbreitete, übergreifende Sprache, in Québec, Nova Scotia und New Brunswick auch Französisch. Die über 50 Sprachen der First Nations gehören zehn Sprachfamilien an. 147.000 Sprecher gehörten dabei 1996 der Algonkin-Sprachfamilie an, deren meistverwendete Sprache das Cree ist, 20.000 dem Athapaskischen, das im Nordwesten in 31 Sprachen gesprochen wird (davon 19 in Kanada). Acht Sprachfamilien stellten nur 7 % der Sprecher. Die drei größten Sprachen repräsentierten dabei rund 93 % der indigenen Muttersprachler.[19] Amerika war bis vor wenigen Generationen von einer enormen Sprachenvielfalt gekennzeichnet (vergleiche Indigene amerikanische Sprachen). Die Zuordnungen der Verwandtschaftsbeziehungen, insbesondere bei nicht mehr gesprochenen Sprachen, stellen die Wissenschaft vor immense Probleme und sind nach wie vor ungelöst. Die Sprachenvielfalt ist heute immer noch groß, doch stehen viele Sprachen vor dem Aussterben oder sind bereits tot. Ethnologue führte für Kanada im Jahr 1993 85 lebende Sprachen auf, davon allein 74 indianische.[20][21][22] Zu den ursprünglichen Sprachen kommen Mischsprachen. So entstand die Sprache der Métis, das Michif, aus den Sprachen der Cree, Ojibwa (Anishinabe), Assiniboine und Französisch. Die Bungee-Sprache, auch Red River-Dialekt genannt, ähnelt dem Michif, wird aber nur am namengebenden Red River in Manitoba gesprochen und ist eine Mischung aus Cree und schottischem Gälisch.
Verkehrsschild in der Provinz Québec, Mistissini
Von den Sprachen der Ureinwohner Kanadas sind die meisten heute mehr gefährdet denn je. Im Jahr 1996 galten neben Inuktitut nur die Sprachen der Cree und der Ojibway (Anishinabe) als in ihrem Überdauern gesichert, obwohl es seit den 1970er Jahren zahlreiche Bemühungen gibt, die noch existierenden Sprachen zu erhalten. Diese basieren neben der Herausgabe von Wörterbüchern[23] und Grammatiken oftmals auf der Arbeit von wenigen Individuen, die sehr verschiedene Wege gegangen sind. Sie reichen von verschiedenen Lernszenarien zwischen Schule, Musik, Kombinieren von Ritualen in natürlicher Umgebung mit Sprachlernen, eigenen Schriftzeichen, aber auch Internetsprachlehrgängen und universitären Ausbildungen, bis hin zur Forderung nach Aufnahme der jeweiligen Sprache in die Amtssprachen, wie dies die Nordwest-Territorien praktizieren. Im September 2008 erklärte eine Anishinabe-Gruppe in Ontario, die Anishinaabe Language Advisory Group, ihre Muttersprache, das Anishinaabemowin, zur ersten Sprache vor Englisch.[24]
Seite aus Carl Faulmanns Buch der Schrift von 1880[25], auf der das Vaterunser in Schrift und Sprache der Mi'kmaq abgebildet ist
Bei den Bemühungen um die eigene Sprache wurde zum Teil auf Schriftsysteme zurückgegriffen, die eher in der Lage sind, die Laute der Indianersprachen wiederzugeben. Solche Schriftsysteme wurden von Missionaren, Sprachwissenschaftlern, aber auch von den First Nations selbst entwickelt. Sie reichen zum Teil bis in die frühkoloniale Phase zurück. So entwickelte Pater Chrestien Leclerc 1657 eine Hieroglyphenschrift mit mehr als 5.000 Zeichen. Das erste und zugleich einzige Buch wurde 1866 in Wien gedruckt.[26] Der Gebrauch indigener Sprachen nimmt wieder deutlich zu. Beim Zensus des Jahres 2006 gaben 51 % der Reservatsbewohner an, in ihrer Muttersprache kommunizieren zu können, in den Städten waren es allerdings nur 12 %. Von den über 75-Jährigen in den Reservaten sprachen 18 % ausschließlich ihre Muttersprache und 21 % der Kinder unter 14 sprechen inzwischen wieder ihre Muttersprache, wobei 39 % der Kinder in Reservaten und nur noch 6 % in Städten diese beherrschen. Von den 15 bis 24-Jährigen sprechen mittlerweile 24 % wieder ihre Muttersprache. Die Zahl der Sprecher ist bei den Cree[27] (Stand 2006) mit 87.285 am höchsten, es folgen 30.255 bei Ojibway, 12.435 bei Oji-Cree und 11.080 bei Montagnais-Naskapi[28], 9.250 Dene, 8.540 Mi'kmaq, 6.285 Siouan-Sprachen und 5.320 Atikamekw, schließlich 4.760 bei Blackfoot. Doch sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen, denn bei der Zählung werden sehr verschiedene Maßstäbe angelegt.[29] Am schnellsten wuchs diese Zahl bei den Oji-Cree (20 %). Die Zahl der Sprecher bei den Haida (-31 %), Tlingit (-30 %) und Malecite (-30 %) ging hingegen in den letzten zehn Jahren stark zurück. Dabei lag der Anteil derjenigen, die ihre ererbte Sprache als Zweitsprache erwarben, bei manchen Stämmen bei über 30 %.[30] [Bearbeiten] KulturarealeVon den zehn nordamerikanischen Kulturarealen (nach Alfred Kroeber) berühren im Wesentlichen fünf die Wohngebiete der First Nations:
Aufgrund extrem unterschiedlicher Landschaften unterscheiden sich die fünf Kulturareale sehr stark. Ähnliche Umweltbedingungen und weit zurückreichende Beziehungen haben wiederum ähnliche Kulturen hervorgebracht. [Bearbeiten] Subarktis
Wigwam der Anishinabe (Ojibwe), 1846
Die Subarktis umfasst von borealem Nadelwald dominierte Gebiete von Zentralalaska bis zum Sankt-Lorenz-Strom. Hier lebten die beiden Sprachgruppen der Nord-Athapasken, deren bedeutendste Stämme die Anishinabe und Cree waren, und die Nord-Algonkin. Der Wald bot ihnen in schwankender Quantität Waldkaribus, Waldbisons, Hirsche und Elche, die Gewässer Fisch und Meeresfrüchte. Stetigkeit der Versorgung lieferte das Sammeln von Waldprodukten und deren Vorratshaltung. Angepasst an die Bedürfnisse lebten die Bewohner in Stangenzelten, giebelförmigen Holzhütten oder Wigwams. In der extremen Weite entwickelten die kleinen Gruppen weder Stammesverbände, noch feste Siedlungen oder übergreifende Hierarchien. Tiergeister spielten vor allem bei den Algonkin eine Rolle, dazu kam als allem innewohnende Kraft der Manitu oder Manitou, der seinen Namen durch die Anishinabe erhielt. Dieser gab der heutigen Provinz Manitoba ihren Namen. [Bearbeiten] Nordwestküste
Dorf an der Pazifikküste von Vancouver Island, 1791
Tla-o-qui-aht-Mädchen von der Westküste von Vancouver Island in traditioneller Baumfaserkleidung (Edward S. Curtis 1916)
Die Siedlungskammern im Nordwesten waren sehr klein, die Ernährung stark auf das Meer eingestellt. Dichte Wälder, zum Teil gemäßigte Regenwälder mit riesigen Bäumen, boten völlig andere Baumaterialien. So lebte man in Holzhäusern, überwiegend Plankenhäusern und stellte auch Waffen, Behältnisse und sogar Kleidung aus Holz her. Auch die Totem- oder Wappenpfähle sind ohne diese Baumbestände nicht denkbar. Die Gesellschaften waren in drei Gruppen eingeteilt: eine Art Adel, dann die einfachen Stammesmitglieder und schließlich Sklaven – meist Kriegsgefangene und deren Nachkommen. Diese Gesellschaftsordnung wurde von Süden nach Norden, von den Küsten-Salish über Kwakwaka'wakw und Nuu-chah-nulth, Haida und Tlingit immer strenger. Innerhalb dieser Gruppen standen Lokal- oder Hausgruppen, Clans und Verwandtschaftssysteme im Vordergrund. Das Konzept des Stammes war im Süden von geringerer Bedeutung, denn hier kam gruppenübergreifenden Verwandtschaftsbeziehungen deutlich größere Bedeutung zu. Die Rangunterschiede wurden durch öffentliche Rituale manifestiert, von denen der Potlatch das bekannteste sein dürfte. Dieser diente durch die Praxis äußerst großzügigen Verschenkens auch dem sozialen Ausgleich. In den Religionen der Nordwestküste galten dem Raben als Bringer des Feuers, aber auch Wolf, Bär, Wal und Lachs aufwändige Rituale. Dabei dienten unter anderem Masken, Tänze, Erzählkunst, Darbietungen der Schmerzunempfindlichkeit, sowie Gesten der Großzügigkeit als Mittel des Ausdrucks. Der rituell richtige Umgang innerhalb der strengen hierarchischen Ordnung musste unbedingt eingehalten werden. Daher wurde, beispielsweise bei den Nuu-chah-nulth, eine Art Zeremonienmeister ausgebildet, der diese Hintergründe genau zu beachten wusste. Schamanen wurden oftmals in Form von Visionen berufen. Sie nahmen Kontakt zu den Ahnen auf oder zu anderen Mächten. Auch Frauen waren Schamanen. Oftmals brachten sie die „Medizin“ mit, der besondere Heilkräfte zugesprochen wurden. [Bearbeiten] PlateauIm heute kanadischen Teil des Kulturareals lebten Stämme der Sprachfamilien der Binnen-Salish, der Kutenai und der Sahaptin, von denen die wichtigsten die Thompson und die Kutenai waren. Zahlreiche Flüsse und Seen bestimmen die Landschaft, ebenso wie hohe Berge im Westen und im Osten des Kulturareals. Der Fischfang, besonders von Lachs, bestimmte weite Teile der Kultur und der Technik. Jedoch spielten auch Wurzeln, Beeren und Jagdwild eine wichtige Rolle. Ähnlich wie die Küstenbewohner betrieben die Stämme des Plateaus einen weiträumigen Handel. Sie lebten in Erdhäusern und Plankenhäusern, aber auch in Tipis. Wie die Gruppen der Westküste, so lebten die meist kleinen Verbände in traditionell von ihnen genutzten Gebieten, in denen sie in jährlichen Wanderzyklen Sammel- und Jagdorte oder spirituell bedeutsame Orte aufsuchten. Einige von ihnen übernahmen, im Gegensatz zu den küstennahen Indianern, das Pferd als Reit- und Transporttier, wahrscheinlich um 1800. [Bearbeiten] Nordöstliches WaldlandAusgedehnte Laub- und Mischwälder prägen das nordöstliche Waldland. Hier lebten zahlreiche Gruppen der Algonkin. Sie ernährten sich teils vom Landbau – im Süden sogar überwiegend von Mais, Bohnen und Kürbissen, im Westen kam Wildreis hinzu -, teils von der Jagd. Hier entstanden ausgedehnte Stammesföderationen, wie bei den Irokesen, und Großdörfer, besonders südlich der Großen Seen und des St. Lorenz. Jahrhunderte überspannende Feindschaften mit entsprechenden Kriegen führten zum Verschwinden zahlreicher Stämme. Die sesshaften Bauern kannten, ähnlich wie viele Stämme der Westküste, ein Erbhäuptlingstum. Bei den Irokesen bildeten mehrere Kernfamilien exogame Lineages, die mit den von ihnen bewohnten Langhäusern gleichgesetzt wurden, und in denen bis zu 200 Personen lebten. Sie wurden von einer Klanmutter geführt, das Verwandtschaftssystem war matrilinear und matrilokal. Die halbsesshaften Algonkin, die in kuppelförmigen Wigwams lebten, deren Bau aufwändiger war als die Tipis der Prärien, glaubten an Tiergeister. Die sesshaften Bauern, vor allem die Irokesen, verehrten eher Götter, Personifizierungen von Kräften, die vom Großen Schöpfer abgeleitet wurden. [Bearbeiten] Prärie und PlainsNur wenige First Nations, wie einige Blackfoot-Stämme, leben im nördlichen Teil dieses Kulturareals, das im Windschatten der Rocky Mountains gelegen, von Trockenheit gekennzeichnet ist. Wichtigstes Jagdwild in dieser flachen Graslandschaft war der als Büffel bekannte Amerikanische Bison. Besondere Treibjagdtechniken wurden entwickelt, bei denen man Teile von Herden so genannte Buffalo Jumps hinunterstürzte. Die Menschen lebten überwiegend in Tipis, Stangenzelten, die einen schnellen Ortswechsel entsprechend den Wanderungen der Büffel gestatteten. Lokalgruppen bestimmten das Bild, Klans spielten keine Rolle. Hier galt Kriegsruhm und Schmerzunempfindlichkeit (Sonnentanz) als Mittel der Ansehens- und Statuserhöhung. Die wichtigsten Stammesgruppen der Assiniboine und der Blackfoot waren ähnlich erbitterte Feinde, wie im Osten die Wyandot und die Irokesen. Für die südlichen Kulturareale gilt gleichermaßen, dass sie von südlicheren Kulturen, wie der Adena- oder der Kultur der Moundbuilder stark beeinflusst wurden. Darüber hinaus wanderten immer wieder Gruppen nordwärts, wie die Sioux nach Alberta. Erst die Pferde, die wohl von spanischen Truppen oder Siedlern in den Südwesten der heutigen USA und Mexiko mitgebracht worden waren, und dort zu Mustangs verwilderten, ermöglichten ab etwa 1700 eine neue Lebensweise, doch die Besiedlung blieb dünn. [Bearbeiten] Geschichte→ Siehe auch Hauptartikel Geschichte der First Nations. [Bearbeiten] FrühgeschichteNomadismus ohne Viehzucht – abgesehen von Hunden und Pferden – dazu halbnomadische gelegentlich sesshafte Bodenbewirtschaftung, prägten die Kulturareale bis in das 19. Jahrhundert.[31] Die ältesten Spuren menschlichen Lebens im Norden des Kontinents finden sich in Alaska und reichen mindestens 12.000 Jahre zurück. Diese frühe arktische Kultur breitete sich weiter südwärts aus. Ihr Kennzeichen sind kleine bis winzige Steinklingen und beidseitig geschärfte Werkzeuge. Der äußerste Norden und Nordosten einschließlich Grönland ist wohl erst um 2500 v. Chr. besiedelt worden, der Norden Ontarios wohl erst um 2000 v. Chr. Die Planokulturen, deren Name sich von den Plains ableitet, umfassen den riesigen Raum zwischen dem Binnenland British Columbias und den Nordwestterritorien bis zum Golf von Mexiko. Vor 8000 v. Chr. wurden bei diesen nördlichen Paläoindianern Projektilspitzen nicht mehr in gespaltene Schäfte eingespannt, sondern in den Schaft eingetieft. Ein Tauschhandel mit besonders geeigneten Steinarten ist an vielen Stellen fassbar. Der frühen (ca. 8000 bis 6000 v. Chr.) und mittleren (ca. 6000 bis 4000 v. Chr.) archaischen Phase gehören Kulturen am Ohio, um Niagara und in Südontario an. Sie entstanden, als Planoleute den Karibuherden ostwärts folgten, immer an der Vereisungsgrenze entlang. Schwerpunkte der östlichen Kulturen waren der untere Sankt-Lorenz-Strom und die Großen Seen. Älteste Monumente sind Grabhügel, die auf eine gefestigte Hierarchie innerhalb dieser Gesellschaften entlang des Eriesees, am Huronsee, am Ontariosee sowie am St. Lorenz hindeuten. Am südlichen South Fowl Lake an der Grenze zwischen Ontario und Minnesota wurde vor 6800 Jahren bearbeitetes Kupfer entdeckt. Ansonsten kam Metallgebrauch erst mit den Europäern auf. Zwischen 2000 und 1500 v. Chr. kühlte Labrador ab. Inuit zogen südwärts und auch Jäger aus dem Inland erreichten die Küsten. Das Gebiet nördlich des St. Lorenz scheint aufgegeben worden zu sein. Die Laurentian Archaic genannte Kultur hatte ihr Zentrum um Québec und in Ontario. Das Ottawatal gilt als ein Zentrum der Kupferproduktion, ähnlich wie die Inseln im Oberen See. Die Frühe Woodland-Periode löste die archaische im Osten ab und erstreckte sich bis zu den Großen Seen und dem St. Lorenz (etwa 1000 v. Chr. bis 500 n. Chr.). Tonwaren sind hier kennzeichnend. Manche Dörfer waren schon ganzjährig bewohnt und beherbergten weit über tausend Menschen. Dabei nahm die Bedeutung des Kürbis, der wohl schon um 4000 v. Chr. in Maine auftauchte, immer mehr zu, später kamen Bohnen und Mais hinzu. Auch entwickelte man eine Reusentechnik, mit der man in Stromschnellen Fische fangen konnte. Von der weit entfernten Adenakultur übernahm sie teilweise die Beerdigungspraktiken. So breiteten sich die aus dem Ohiotal kommenden Burial Mounds aus, kleine bis monumentale Grabhügel. Auf diese Kultur gehen wohl die Irokesen zurück, aber auch einige Algonkinstämme. Der kanadische Schild wurde erst 6000 bis 2000 v. Chr. besiedelt. Hierauf gehen die Cree, Ojibwa, Algonkin, Montagnais und die Beothuk zurück. Um 2000 v. Chr. bestanden hier bereits komplexe Rituale, Kupferbearbeitung und Fernhandelsbeziehungen. Die für die Adenakultur typischen Mounds erscheinen sogar in der westlichen Schildkultur (Laurel), zum Beispiel am Rainy River im Süden Ontarios. Birkenholzkanus waren hier das Haupttransportmittel. Auf ihnen dehnten die Gruppen ihre Schweifgebiete auch in frühere Plaingebiete west- und südwestwärts aus. Auch der Fernhandel mit Chalzedon aus Oregon und Obsidian aus Wyoming hing vom Flusstransport ab. Wahrscheinlich kam es aufgrund der Domestizierung von wildem Reis zu einer herausgehobenen Schicht von Landbesitzern, die sich auch kulturell vom Rest der Bevölkerung absetzte. In den Plains lassen sich Häuser und Großdörfer fassen. Die Jagd mit Pfeil und Bogen verbreitete sich nur sehr langsam von Norden (um 3000 v. Chr.) ostwärts, dann in den Westen (um Chr. Geb.). Die späte Plainskultur lebte in hohem Maße von Büffeln (Amerikanischer Bison). Spätestens um 500 v. Chr. löste der Bogen die Speerschleuder ab. In Montana bestanden große Zeltdörfer (100 Hektar) mit rund tausendjähriger Nutzungsdauer. Fernhandel mit Obsidian, Feuerstein und anderen Materialien reichte bis zum Pazifik. Zumindest manche der Verstorbenen wurden vor der Grablegung auf Gerüsten getrocknet. Die mittlere Plateaukultur entwickelte um 2500 v. Chr. das Pit House, das teilweise in die Erde eingegraben war. Die heutigen Salishstämme lassen sich mit dieser halbsesshaften Kultur in Verbindung bringen. Ausnahmen in diesem Gebiet sind die Nicola, Eyak-Athapaskisch-Sprecher und die Kutenai. Die späte Plateau-Kultur sammelte in Erdlöchern Vorräte, heiße Steine dienten zum Backen und Kochen, der Lachs lieferte den Hauptanteil des Nährwerts. Der Handel mit den Küstenvölkern nahm zu, die Dörfer wurden größer.
Totempfähle der Tsimshian
Im Westen wurde die wohl bis vor 10.000 v. Chr. zurückreichende Besiedlung um 4250 v. Chr. durch die Frühe Plateaukultur überlagert. Ab 2500 v. Chr. lassen sich im Westen Siedlungen anhand zahlreicher Muschelhügel nachweisen, dazu erste Anzeichen einer sozialen Differenzierung, sowie ausgeprägte Ansätze zu einer bäuerlichen Wirtschaftsweise (vor 1600 v. Chr.). Die Küstenkulturen an der Westküste lassen sich mindestens bis 8000 v. Chr. nachweisen. Dabei ist die Jagd auf |