Rassentheorie

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Eine Rassentheorie (auch Rassenkunde oder Rassenlehre) ist eine Theorie, die die Menschheit in verschiedene Rassen einteilt und diese als natur- oder gottgegebene Einheiten bzw. biologische Tatsachen auffasst (Essentialismus). Rassentheorien dienten als scheinbar wissenschaftliche Grundlage des modernen Rassismus, dessen Einfluss bis heute fortwirkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der biologisch begründete Rassismus, nicht jedoch die Einteilung der Menschheit in Rassen, von der Mehrheit der Forscher abgelehnt. Wissenschaftler aus der ganzen Welt erarbeiteten zum Beispiel das UNESCO Statement on Race Problems [1] von 1950 und das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung [2] von 1965.

Die Theorie dreier sogenannter „Großrassen“ der Menschheit hielt sich zunächst lange in der Wissenschaft, obwohl rein äußerliche Merkmale wie die Hautfarbe als Maßstab genommen wurden. Wissenschaftler distanzierten sich lediglich vom Missbrauch dieser Kategorien. Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts beschrieben Lehrbücher eine Einteilung der Menschen in drei „Großrassen“: „Europide“, „Mongolide“ und „Negride“.[3]

Seit etwa den 1990er Jahren wurde diese Theorie gleichsam verstärkt in Zweifel gezogen.[4][5] 1995 forderte die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe der internationalen UNESCO-Konferenz „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“: „das überholte Konzept der ‚Rasse‘ durch Vorstellungen und Schlussfolgerungen zu ersetzen, die auf einem gültigen Verständnis genetischer Variation beruhen, das für menschliche Populationen angemessen ist.“ Des Weiteren stellt sie fest, dass Rassen z.B. aufgrund ihrer geographischen Verbreitung traditionell als untereinander verschieden angesehen werden. Diese Einteilung in Untergruppen widerspreche allerdings dem aktuellen Stand der Forschung.[6] [7]

Während 1985 noch 30 bis 50% der Anthropologen dem Konzept von Rassen zustimmten, ist dieser Prozentsatz auf 14 bis 24% im Jahr 1999 zurückgegangen.[8] Der Anthropologe Volker Sommer fasste den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zur Anwendung des Begriffs Rasse auf den Menschen wie folgt zusammen: „Wenn es nach den heute maßgeblichen Biologen ginge, gehört der Begriff tatsächlich abgeschafft.“[9]

Moderne populations- und molekulargenetische Untersuchungen zeigen, dass die herkömmliche Einteilung der Menschheit in Rassen keine wissenschaftliche Grundlage besitzt.[10][11] Enzyklopädien wie der Brockhaus oder Meyers Lexikon bezeichnen in ihren aktuellen (Brockhaus ab 2006) Ausgaben derartige typologisch-rassensystematische Kategorien als veraltet.[12].

Manche Verfasser halten die Einteilung der Menschheit in Rassen an sich schon für eine rassistische Theorie, die aus außerwissenschaftlichen Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen Bedürfnissen gespeist werde. [13] Das Deutsche Institut für Menschenrechte spricht sich aus diesen Erwägungen heraus gegen die Verwendung des Begriffes „Rasse“ in Gesetzestexten aus. [14]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Frühe Konzeptionen

[Bearbeiten] Kolonialismus und Säkualariserung

Die im 18. Jahrhundert entstehenden Rassentheorien wurden von einer Reihe von Bedingungsfaktoren beeinflusst. Die bedeutendste Rolle spielte der europäische Kolonialismus (einschließlich der Eroberung Amerikas und des transatlantischen Sklavenhandels). Er lieferte durch vermehrten Kulturkontakt fortlaufend neues Wissen über bislang unbekannte Weltteile, Völker und Sitten. Ein weiterer wichtiger Faktor war die seit Francis Bacon auf Naturbeherrschung ausgerichtete Säkularisierung der Wissenschaft. Sie führte zu verstärkten Ordnungsbemühungen hinsichtlich der sich rapide vermehrenden Erfahrungsdaten aus aller Welt. Hinzu kam, dass der Kolonialismus seinen Ausgang von Spanien nahm, das zur selben Zeit die Reconquista siegreich beendet hatte und seine „nationale Erneuerung“ mit einer auf „Blutsreinheit“ (Limpieza de sangre) ausgerichteten Diskriminierung von Mauren und Juden verband. In diesem Zusammenhang entwickelte sich der Begriff der Rasse (Conze, Sommer 1984), der den Rassentheorien schließlich das Stichwort lieferte. Er bedeutete im Spanien des 15. Jahrhunderts, von guter oder schlechter Herkunft (rraça) zu sein. In diesem Sinne wurde er auch in andere Sprachen übernommen. Im Französischen etwa diente er zur Unterscheidung des alten Erbadels vom neuen Amtsadel. Zu dieser Zeit war Rasse ein sozialer Begriff, der die hierarchische Ordnung der sozialen Klassen bezeichnete, wobei er die Menschen „edler Herkunft“ und „edlen Blutes“ besserstellte bzw. eine Klassifizierung vornahm. Seine Übernahme als Bezeichnung zur Unterscheidung der Völker unterschiedlicher Erdteile war deshalb zunächst wertend.

Im Rahmen des Kolonialismus in Afrika wurden verschiedene Rassentheorien aufgestellt, unter anderem die Hamitentheorie, welche der deutsche Afrikanist Carl Meinhof weiterentwickelte. Die Hamitentheorie sagte aus, dass diejenigen Völker, deren Sprache über Nominalklassen verfügt, kulturell höherwertiger seien als andere. Man argumentierte, dass sich solche Völker kulturell an die abendländisch-morgenländischen Zivilisationen anschließen ließen. Diese Theorie diente dem Kolonialismus zur Auswahl von „Herrenvölkern“ in den besetzten Territorien.

[Bearbeiten] Aufklärung und Wissenschaft

Den Begriff „Rasse“ (Race) verwendeten Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant 1775 erstmals in deutschsprachigen Veröffentlichungen - womit Kant auch einen Gedanken der Über- bzw. Unterordnung einführte: Für ihn gab es vier Rassen, die sich in ihrer Bildungsfähigkeit unterschieden. An der Spitze der Vernunftbegabten standen für ihn die weißen Europäer.[15][16] Kant: „Man kann in Ansehung der Hautfarbe vier Klassenunterschiede der Menschen annehmen. Wir kennen mit Gewissheit nicht mehr erhebliche Unterschiede der Hautfarbe, als die: der Weißen, der gelben Inder, der Neger und der kupferfarbig=roten Amerikaner.“[17] "Rassen"/"race" sind nach Kant "Abarten" einer Ursprungsrasse. In seiner Klassifikation weist er den Weißen die vollkommenere Position zu: "In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der "race" der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften." [18] Blumenbach erklärte im Gegensatz zu Kant, dass es keine eindeutig voneinander abgrenzbaren und unwandelbaren Rassetypen gebe, sondern dass eine Rasse unmerklich in die andere überging. Eine Einteilung in unterlegene und überlegene Rassen lehnte er ab.

Wie heute noch „race“ im Englischen, war in Deutschland der Begriff „Rasse“ bis ins 20. Jahrhundert hinein uneindeutig, insofern die über eine gemeinsame Kultur gegeneinander abgrenzbaren Ethnien ebenfalls oftmals ideologisch auf biologische Merkmale zurückgeführt wurden. Daher versuchten frühe Soziologen, einen sozialwissenschaftlichen Begriff von „Rasse“ herauszuarbeiten. Bemerkenswert ist vor allem Ludwig Gumplovicz, der sich des Konzeptes der Gruppe bediente (so in: Der Rassenkampf, 1883). Diese Ansätze fanden sich noch 1961 etwa bei Wilhelm Emil Mühlmann in seinem Buch Chiliasmus und Nativismus, erloschen aber dann gänzlich.

[Bearbeiten] Politische Romantik

Rassevorstellungen im 19. Jahrhundert

Unter den Naturwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts, die sich mit der Materie befassten, waren Georges Cuvier, James Cowles Pritchard, Louis Agassiz, Charles Pickering (Races of Man and Their Geographical Distribution, 1848) und Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840). Cuvier zählte drei Rassen, Pritchard sieben, Agassiz acht und Pickering elf. Blumenbachs Einteilung, die Linnés Urtypen um eine fünfte Rasse (die braune oder malaische) erweiterte, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend akzeptiert. Blumenbach prägte auch den Begriff der „kaukasischen“ oder „weißen“ Rasse, die als „Stammrasse“ anzusehen sei.

In Blumenbachs Tagen ging die Beschreibung körperlicher Eigenschaften wie Hautfarbe und Schädelprofil Hand in Hand mit der Deutung charakterlicher Eigenschaften und intellektueller Fähigkeiten. So wurden etwa die helle Farbe und die verhältnismäßig hohe Stirn der „Kaukasier“ als körperlicher Ausdruck eines hochfliegenden Geistes und großzügigen Temperamentes gewertet. Die dunkle Haut und die leicht fliehende Stirn „der Äthiopier“ galten als Pauschalbeweis einer größeren genetischen Nähe zu den Primaten, obwohl die Haut von Schimpansen und Gorillas unter dem Haar weißer ist als die der durchschnittlichen „Kaukasier“.

Aus Verschiedenartigkeit wurde in der Theorie Verschiedenwertigkeit. Angeblich höhere, "kulturschöpferische“ Rassen stünden niederen, „kulturzerstörerischen“ Rassen gegenüber. Im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine Vielzahl miteinander konkurrierender Rassentheorien (besonders bekannt sind die von Gobineau und Chamberlain), die alle die Europäer an der Spitze der menschlichen Entwicklung sahen. Dabei wurde postuliert, dass alle hellhäutigen Europäer, die „Kaukasier“, von den Ariern abstammen würden. Solche „rassenkundlichen“ Anschauungen dienten dazu, „die Arier“ zu einer körperlich und geistig überlegenen und auf Reinheit bedachten „Herrenrasse“ zu mystifizieren, die in der Geschichte als Kriegeradel und Kulturbringer gewirkt habe.

Von besonderem Einfluss war in diesem Zusammenhang Gobineau mit seinem Essai sur l'inégalité des races humaines („Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen“, 1853/55), in dem er behauptete, die treibende Kraft der menschlichen Geschichte sei die „Rassenfrage“. „Rassenvermischung“, insbesondere mit „minderwertigen Rassen“, führt nach seinen Worten zu Degeneration und Untergang von Völkern und Nationen.

Der Hegelschen Dialektik eines geschichtlichen Weltgeistes folgend vertrat der Frühsozialist Moses Hess, kurzzeitiger Mitstreiter von Marx und Engels, in seinem Werk Rom und Jerusalem aus dem Jahre 1862 eine Art von Messianismus des Glaubensinhalts, dass mit der Philosophie Spinozas und der Französischen Revolution ein neues Weltzeitalter begonnen habe, nachdem das französische Volk durch die Enthauptung seines Monarchen die Vorherrschaft einer „germanischen Rasse“ gebrochen habe. Hess unterschied nach verschiedenen Rassen in der Weltgeschichte und hielt einen „letzten Racenkampf“ für notwendig, den er als dem Klassenkampf vorrangig postulierte. Für Hess waren die verschiedenen Rassen jedoch nicht von verschiedener Wertigkeit, sondern jeweils Träger von Eigenschaften, die für die Menschheit insgesamt bereichernd seien. Nach einer chaotischen Zeit des "Kampfes ums Dasein" sollten sie am Ende der Geschichte ein Verhältnis solidarischen Zusammenlebens als "Glieder am Körper der Menschheit" erreichen, ohne ihre jeweiligen charakteristischen Eigenschaften zu verlieren.

[Bearbeiten] Beispiele von Rassekonzepten

Rassenkonzepte (Auswahl)
Jahr Autor und Titel # Bezeichnungen
1666 Georgius Hornius:
Arca Noae, sive historia imperiosum et regnorum a condita orbe ad nostra tempora
3 Japhetiten (Weiße), Semiten (Gelbe), Hamiten (Schwarze)
1684 François Bernier:
Nouvelle division de la Terre, par les differentes Espèces ou Races d'hommes qui l'habitent
4-5 Europäer (auch Ägypter u. braunhäutige Inder), Afrikaner, Chinesen und Japaner, Lappen, (Indianer, dem Europäer nahestehend)
1735 Carl von Linné:
Systema naturae
4 Europaeus albus (Weiße), Americanus rubesceus (Rote), Asiaticus luridus (Gelbe), Afer niger (Schwarze)
1774 Edward Long:
History of Jamaica
3 Europäer, Neger, Orang-Utan
1775 Johann Friedrich Blumenbach:
De generis humanis varietate nativa
5 Kaukasier, Mongolen, Äthiopier, Amerikaner, Malayen
1775 Immanuel Kant:
Von den verschiedenen Rassen der Menschen
4 Weiße, Neger, mongolische oder kalmückische Rasse, Hindu-Rasse
1785 Christian Meiners:
Grundriss zur Geschichte der Menschheit
2 Helle schöne Rasse, dunkle hässliche Rasse
1841 Auguste Comte:
Cours de philosophie positive
3 Weiße, Gelbe, Schwarze
1849 Carl Gustav Carus:
Über die ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschenstämme für höhere geistige Entwicklung
4 Rasse der Morgenrots (Gelbe), Tagrasse (Weiße), Rasse der Dämmerung (Rote), Nachtrasse (Schwarze)
1853/55 Arthur Comte de Gobineau:
L'essai sur l'inégalité des races humaines
3 Weiße, Gelbe, Schwarze
1860 Anders Adolf Retzius:
Coup d'oeil sur l'état actuel de l'éthnologie au point de vue de la forme de crâne
2 dolicephal (langschädelig), brachicephal (kurzschädelig)
1894 Gustave Le Bon:
Lois psychologiques de l'évolution des peuples
4 Primitivrassen (Pygmäen, australische Ureinwohner), niedere Rassen (Farbige Menschen mit dunkler Haut), mittlere Rassen (Chinesen, Mongolen, Semiten), höhere Rassen (Indoeuropäer)
1925/27 Adolf Hitler:
Mein Kampf
3 Kulturbegründer, Kulturträger, Kulturzerstörer
1934 Egon Freiherr von Eickstedt:
Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit
3 (80) Europide, Mongolide, Negride;
(Zur weiteren Unterteilung der so genannten „Großrassen“, siehe eigene Tabelle)

[Bearbeiten] Rassenlehre im 20. Jahrhundert

[Bearbeiten] Deutsches Kaiserreich

Gobineaus Theorien der angeblichen rassischen Überlegenheit der Arier wirkten nachhaltig auf Richard Wagner und dessen Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, der sie in seinem Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) weiter ausbaute. Chamberlain stilisierte „den Juden“ zum rassischen Antitypus der Arier und postulierte einen historischen Endkampf, in dem es nur Sieg oder Vernichtung geben könne.

Diese Werke fielen im deutschsprachigen Raum auf fruchtbaren Boden. So ließ etwa der antisemitisch motivierte Zisterziensermönch Adolf Lanz (alias Jörg Lanz von Liebenfels) in seinen Ostara-Heften blonde und blauäugige Herrenmenschen gegen „Sodoms-Äfflinge“ antreten. Er erklärte, die „Versklavung der Rassenminderwertigen“ sei eine „ethisch und wirtschaftlich berechtigte Forderung“. Diese gezielte Rassenhetze diente als pseudowissenschaftliche Grundlage für den nationalsozialistischen Völkermord im 20. Jahrhundert.

Rassenforscher des frühen 20. Jahrhunderts ordneten die malaische und die amerikanische Rasse wieder der mongolischen zu und kehrten somit zur 'klassischen' Dreiteilung zurück. Die Blütezeit der Rassenklassifikation, die Ende des 19. Jahrhunderts begann, erreichte ihren Höhepunkt in der Systematik Egon von Eickstedts (1934), die 80 Rassen unterschied, welche in drei sogenannte Großrassen und verschiedene Unterrassen eingeteilt wurden. Eickstedt verband mit den unterschiedlichen Rassen nicht nur verschiedene körperliche, sondern auch psychische Eigenschaften und meinte mit Hilfe von Rasseformeln den Anteil einzelner Rassen bei einem Menschen prozentgenau bestimmen zu können. Andere Anthropologen bauten auf der Klassifikation Eickstedts auf oder kamen wie der Amerikaner Carleton S. Coon wieder auf eine grobe Gliederung in drei Primärrassen oder Rassenkreise (Negroide, Kaukasoide, Sinoide) zurück.

Von Eugenikern wurde diese „Vermischung“ als Degeneration bzw. „Entartung“ definiert und versucht, sie zu unterbinden.

Am Ende des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts betrieben Wissenschaftler nahezu aller europäischen Staaten Rassenforschung. Die Erkenntnisse der verschiedenen Forscher ähnelten sich weitgehend.

[Bearbeiten] Weimarer Republik

In den frühen Zwanziger Jahren erschien von Hans F. K. Günther das Buch "Rassenkunde des Deutschen Volkes". Darin führte er sechs Rassen auf, die in Deutschland vorkommen sollen.

[Bearbeiten] Nationalsozialismus

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die im 19. Jahrhundert populären Rassentheorien der Eugeniker weitergeführt. Die Rassenlehre wurde zu einem Unterrichtsfach (Teilfach der Biologie). Biologische Begriffe, wie die mendelschen Regeln der Vererbungslehre wurden zum Bestandteil der nationalsozialistischen Propaganda. Bekannte Rassentheoretiker in jener Zeit waren Alfred Rosenberg, Hans F. K. Günther und Egon Freiherr von Eickstedt. Menschen wurden wie Hunde- oder Pferderassen eingeteilt und sollten nach rassischen Merkmalen, wie z.B. "hochgewachsen", "blond" und "blauäugig", gezüchtet werden. Eine so genannte "arische Rasse" wurde als anderen überlegen ausgegeben. Am 14. Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Behinderte und Erbkranke wurden daraufhin zwangssterilisiert, später zumeist in Konzentrationslager eingeliefert. Zudem wurden andere "Rassen" und "Völker" gezielt verfolgt und ermordet ("ausgemerzt"), so vor allem eine als "jüdisch" beziehungsweise "semitisch" definierte Rasse, Slawen sowie deren Nachfahren.[19]

[Bearbeiten] Wirkungsgeschichte

[Bearbeiten] Rehabilitierungsversuche

Es gab immer wieder Versuche, den Biologismus der Rassen wissenschaftlich hoffähig zu machen. So behauptete der englische Biologe John Baker in seinem umstrittenen Werk Race von 1974, gehirnmorphologische, Intelligenz- und Charakterunterschiede zwischen den Ethnien gefunden zu haben, und leitete daraus die Überlegenheit bestimmter Zivilisationen ab. Er berief sich dabei auf überholte anthropologische Theorien der biologischen Determination.

Das Genographic Project untersucht, wie sich die Menschheit, als sie von Afrika aus den Rest der Welt besiedelte, in immer mehr Gruppen aufspaltete. Dabei kann jeder an dem Projekt teilnehmen, indem er seine DNA-Probe untersuchen lässt. Auf diese Weise könne manso die Grundhypothese des Projekts – herausfinden, woher die eigenen Vorfahren stammen. Das Indigenous Peoples Council on Biocolonialism kritisiert dieses Projekt, da es spätkolonialistisch sei und auf wissenschaftlichem Rassismus fuße.[20]

[Bearbeiten] Kritischer Diskurs

Widerspruch gegen Rassentheorien gab es, seit es Rassentheorien gibt: Humanisten wie Herder, Forster oder Lichtenberg sprachen sich schon zu Kants Zeiten gegen den Rassebegriff aus. Heute wird die Menschheit nicht mehr in Rassen unterteilt. Die genetischen Unterschiede haben sich innerhalb einzelner Populationen als größer erwiesen als die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Populationsräumen. So lässt sich beispielsweise innerhalb der Grenzen Japans eine größere Varianz nachweisen als im Vergleich Japan - Australien. Eine einheitliche Klassifizierung sowohl nach morphologischen Kategorien wie "Hautfarbe", "Haarstruktur" etc. hat sich als ebenso wenig haltbar erwiesen wie eine genetische Einteilung.

Anthropologen wie Theodor Weitz oder Franz Boas widersprachen dem jeweils zeitgenössischen Rassismus von Chamberlain. Spätestens mit den Ergebnissen der UNESCO-Arbeitsgruppe von 1950 gilt der Rassebegriff als wissenschaftlich nicht haltbar.

Die Zahl der aufgestellten Gruppen schwankte sehr stark, wobei sich die bereits von Linné angenommenen vier Urtypen (siehe die Geschichte der Rassenforschung) oder die drei großen Rassenkreise - Europide (Europa, Naher Osten, Nordafrika, Indien), Mongolide (Ostasien und Ureinwohner Amerikas) und Negride (Afrika) - besonderer Beliebtheit erfreuten. Diese wurden häufig weiter ausdifferenziert in zahlreiche Mischformen (z.B. Turanide, Australide) und Unterteilungen. So wurden beispielsweise die Europiden nochmals aufgefächert in Nordide, Osteuropide, Dinaride, Dalo-Fälide, Alpinide, Mediterranide, Armenide, Indide.

Inzwischen sind diese Klassifikationen durch die Erkenntnisse der modernen Genetik überholt. Humangenetiker wie Luigi Cavalli-Sforza argumentierten, dass äußerliche Unterschiede wie Haut- und Haarfarbe, Haarstruktur und Nasenform lediglich eine Anpassung an unterschiedliche Klima- und Ernährungsbedingungen sind, die nur von einer kleinen Untergruppe von Genen bestimmt werden. Im Prinzip ist jede beliebige Untergruppe - theoretisch auch die Bewohner eines einzelnen Dorfes - durchschnittlich von anderen unterscheidbar. Anders ausgedrückt ist beim Menschen die Vielfalt so groß, dass es unzweckmäßig ist, diesen als Art zoologisch zu untergliedern. Dieses Argument hat bereits 1871 Charles Darwin in seinem Buch über die Abstammung des Menschen benutzt. [21]

Wenn der durchschnittliche Unterschied zwischen zwei Gruppen von Individuen hinreichend groß ist, um auf den ersten Blick erkennbar zu sein, werden diese Ernst Mayr zufolge von Anhängern des Populationsdenkens als Rassen klassifiziert. [22] Demnach sei das Vorkommen von Rassen nach Ernst Mayr eine allgemeine Erscheinung in der Natur, welche bei zwei Dritteln aller Tier- und Pflanzenarten, inklusive des Menschen, auftritt. [23] Die Ansicht der Typologen, dass jeder Vertreter einer Rasse die für diese typischen und ihn von allen Vertretern anderer Rassen unterscheidbare Merkmale aufweise, lehnt Mayr ab. Für ihn bauen alle Rassen-Theorien auf dieser Grundlage auf.[24] Er betrachtet Rassen als sich potentiell überschneidende Populationskurven, bei denen die Varietät innerhalb einer Rasse größer als zwischen den Rassen sein kann.[25]

Cavalli-Sforza und andere Wissenschaftler sprechen von Populationen (Gruppen, die einen präzise bestimmten Raum bewohnen) - ein Begriff, der nicht biologisch, sondern statistisch definiert ist. Genetische Unterschiede zwischen Populationen lassen sich anhand einzelner Merkmale (z.B. Blutgruppen) erfassen. Dabei liegt etwa 85% der bei Menschen erkennbaren genetischen Variabilität innerhalb einer Population vor; etwa 8% betreffen Unterschiede zwischen benachbarten Gruppen und nur 7% gehen auf Unterschiede zwischen den typologisch definierten "Rassen" zurück. Genetisch betrachtet können somit laut Cavalli-Sforza zwei Menschen aus verschiedenen Kontinenten stärker einander ähneln als Individuen einer spezifischen Gruppe, auch wenn sie z.B. eine unterschiedliche Hautfarbe haben.

Das Ziel solcher Untersuchungen genetischer Unterschiede ist nicht die Etablierung der Einteilung von Menschen in Rassen.

Populationen sind statistische Blöcke, die von der Wahl der jeweiligen Variablen abhängen, wobei es keinen bevorzugten Satz von Variablen gibt. Die „populationistische“ Ansicht leugnet nicht, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt; sie sagt aber, dass die historischen Rassekonzepte nicht besonders nützlich seien, um diese Unterschiede wissenschaftlich zu analysieren. So haben Analysen von SNPs von mehreren hundert Europäern ergeben, dass anhand dieser Merkmale europäische Populationen gegeneinander abgegrenzt werden können, beispielsweise Portugiesen und Spanier gegen Italiener.[26] [27] Diese Studien belegen zugleich, dass Konstrukte, die Gruppen von Populationen zu übergeordneten Einheiten zusammenfassen, letztlich rein willkürliche Grenzen zwischen den Entitäten setzen.

Dass Rasse ein soziales, kein naturwissenschaftliches Konzept sei, sagt auch der amerikanische Genomforscher Craig Venter. Seit Beginn der 1990er-Jahre wird durch die Arbeiten von Étienne Balibar (1992) und Stuart Hall (1989) verstärkt ein Rassismus ohne Rassen untersucht, bei dem für rassistisches Denken und Handeln kein explizit biologistisch definierter Rassebegriff mehr benötigt wird.

[Bearbeiten] Literatur

Definitionen
Historische Ansätze
Soziologische Ansätze
Politikwissenschaftliche Ansätze
Erkenntnistheoretische Ansätze
Biologiewissenschaftliche Ansätze
  • Richard Lewontin: Menschen. Genetische, kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten ("Human diversity"). Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1986, ISBN 3-922508-80-4.
  • Richard Lewontin: Die Gene sind es nicht ... Biologie, Ideologie und menschliche Natur ("Not in our genes"). Psychologie-Verl.-Union, München 1988, ISBN 3-621-27036-1.
  • Luigi Luca Cavalli-Sforza, Francesco Cavalli-Sforza: Verschieden und doch gleich. Ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage ("Chi siamo"). Knaur, München 1996, ISBN 3-426-77242-6.
  • Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation ("Geni, populi e lingue"). Dtv, München 2003, ISBN 3-423-33061-9.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Statement by Experts on Race Problems. In: unesdoc. UNESCO, 20. July 1950, S. 4,5. Abgerufen am 24.Dez.2008"Historical and social studies support the view that genetic differences are not of importance in determining the social and cultural differences between different groups of homo sapiens, and that the social and cultural changes in different groups have, in the main, been independent of changes in inborn constitution."“. (englisch, französisch)
  2. The Race Question UNESCO 1950
  3. z.B. Wolfgang Hennig: Genetik, Springer, 1995, S. 703.
  4. Ulrich Kattmann: "Im Grunde genommen sind wir alle Afrikaner" UNI-INFO September 1998
  5. vgl. Cavalli-Sforza, 1996
    American Anthropological Association Statement on „Race“, 17. Mai 1998
  6. ‚Rassen‘ des Menschen werden traditionell als genetisch einheitlich, aber untereinander verschieden angesehen. Diese Definition wurde entwickelt, um menschliche Vielfalt zu beschreiben, wie sie beispielsweise mit verschiedenen geographischen Orten verbunden ist. Neue, auf den Methoden der molekularen Genetik und mathematischen Modellen der Populationsgenetik beruhende Fortschritte der Biologie zeigen jedoch, dass diese Definition völlig unangemessen ist. Die neuen wissenschaftlichen Befunde stützen nicht die frühere Auffassung, dass menschliche Populationen in getrennte Rassen, wie ‚Afrikaner‘, ‚Eurasier‘ (einschließlich ‚eingeborener Amerikaner‘), oder irgendeine größere Anzahl von Untergruppen klassifiziert werden könnten.“; aus Wissenschaftliche Arbeitsgruppe der internationalen UNESCO-Konferenz „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“ am 8. und 9. Juni 1995 in Stadtschlaining: Stellungsname zur Rassenfrage
  7. aspr.ac.at Deklaration von Schlaining „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“
  8. Agreement/Disagreement of Cultural and Physical Antropologists with the statement taht "There are biological races in the species Homo sapiens" 198 vs 1999
  9. Volker Sommer: Darwinisch denken. Horizonte der Evolutionsbiologie. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2007, S. 144, ISBN 978-3-7776-1543-1
  10. »In der Rassenkunde der Anthropologie wurde der Terminus „Rasse“ für die Klassifikation von Menschengruppen auf mehreren Niveaus unterhalb der Art Homo sapiens verwendet, wobei lediglich die sog. geographischen Großrassen (Europide, Mongolide, Negride) dem Status von Unterarten (vgl. Aspekt 3) hätten entsprechen können. Verschiedene populations- und molekulargenetische Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Einteilung in „Rassen“ beim Menschen keine genetische Grundlage hat.«aus: Lexikon der Biologie, Band 11, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2003, ISBN 3-8274-0336-7, S. 421 (Artikel: Rasse)
  11. Lexikon der Biologie, Band 9, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-0334-0, S. 170 - 177 (Artikel: Menschenrassen)
  12. Siehe z.B. die Artikel: „Menschenrassen“; „Europiden“; „Mongoliden“; „Negriden“ in Meyers Lexikon Online
  13. Heidrun Kaupen-Haas und Christian Saller (Hg.): Wissenschaftlicher Rassismus - Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften, Campus, 1999, Seite 65 ff.
  14. Deutsches Institut für Menschenrechte (Hg.), „...und welcher Rasse gehören Sie an?“ Zur Problematik des Begriffs „Rasse“ in der Gesetzgebung. Policy Paper No. 10, Autor: Hendrik Cremer, August 2008, ISBN: ISSN 1614-2195 (PDF-Version)
  15. Kant-Zitat [1]
  16. Vgl. zum Thema Aufklärung (Kant/Hegel) und Rassismus/Hautfarbe: Arnold Farr: Wie Weißsein sichtbar wird. Aufklärungsrassismus und die Struktur eines rassifizierten Bewusstseins. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster. (Rezension h-soz-kult [2]).
  17. [3]
  18. http://www.textlog.de/33161.html
  19. NATIONALSOZIALISTISCHE RASSENLEHRE, Ulrich Baringhorst, zugegriffen 2009-01-03
  20. Indigenous Peoples Oppose National Geographic & IBM Genetic Research Project that Seeks Indigenous Peoples’ DNA [4]
  21. "It may be doubted whether any character can be named which is distinctive of a race and is constant.", Charles Darwin, The Descent of Man, Seite 225. "Although the existing races of man differ in many respects, as in colour, hair, shape of skull, proportions of the body, &c., yet if their whole structure be taken into consideration they are found to resemble each other closely in a multitude of points. Many of these are of so unimportant or of so singular a nature, that it is extremely improbable that they should have been independently acquired by aboriginally distinct species or races."Charles Darwin: The Descent of Man, 1874, Part one, Chapter VII: Descent or origin of man
  22. Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens, Springer-Verlag , 1979, Seite 37
  23. Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens, Springer-Verlag , 1979, Seite 37
  24. Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens, Springer-Verlag , 1979, Seite 37
  25. Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens, Springer-Verlag, 1979, Seite 38
  26. O. Lao et.al.: Correlation between Genetic and Geographic Structure in Europe. Current Biology, Band 18, Heft 16, S. 1241 – 1248
  27. John Novembre et.al.: Genes mirror geography within Europe. Nature online publication, 31. August 2008, doi:10.1038/nature07331
Persönliche Werkzeuge


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