Participation mystique

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Participation mystique (P.m.) ist eine eigentümliche Art der psychologischen Verbundenheit. Der Begriff stammt von Lucien Lévy-Bruhl (1857-1939), der ihn 1910 aufgrund romantischer Vorliebe für kulturgeschichtliche Betrachtungen bildete anhand der vergleichenden Entwicklungsgeschichte der Völker.[1] Dieses Werk kann auch in Beziehung zu Sigmund Freuds (1856-1939) zeitgenössischen ethnologischen Studien über die Hintergründe neurotischer Erkrankungen des modernen Zivilisationsmenschen gesehen werden.[2] P.m. stellt eine psychologische Theorie dar.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichtliche Theorien

Gruppenphoto 1909 vor der Clark University. Vorne: Sigmund Freud, Granville Stanley Hall, C.G.Jung. Hinten: Abraham A. Brill, Ernest Jones, Sandor Ferenczi.

Nach dem Prinzip des psychogenetischen Grundgesetzes nach Stanley Hall (1904) ist Ethnologie in ihrer geschichtlichen Dimension ein Spiegelbild der Entwicklungspsychologie. Das psychogenetische Grundgesetz entspricht dem Biogenetischen Grundgesetz Haeckels und soll darüber hinaus einen ontogenetischen Zusammenhang zwischen Psychogenese und Phylogenese ausdrücken nach dem Motto: „Die psychische und körperliche intrauterine und postpartale Kindheitssentwicklung wiederholt die Geschichte der Stammesentwicklung von Mensch und Tier“.[3] [4] Die ethnologischen Grundlagen dieser psychologischen Theorie sind Gegenstand z.B. der Ethnopsychiatrie und Ethnopsychoanalyse.[5] Ähnliche theoretische Grundlagen hat Freud mit seiner Lehre vom Primären Narzissmus und in seiner Schrift Totem und Tabu (1912) vertreten (l.c. oben). Otto Rank, ein Schüler Freuds, hat 1909 die Urgeschichte der Subjektivität in einer kleinen Schrift beleuchtet und die Inhalte des Primärprozesses offen gelegt.[6] Mythen stellen daher nicht nur den symbolischen Ausdruck von Urerlebnissen bestimmter Völker dar, sogenannte Gründungsmythen (Moses, Ödipus), sondern sie verkörpern auch wesentliche individuelle, pychogenetisch wichtige Begebenheiten (sog. Life-events in der Stresstheorie, Ödipuskomplex als klassische psychoanalytische Theorie, archetypische Erfahrungen nach C.G Jung).

Granville Stanley Hall, circa 1910.

Nach C. G Jung ist P.m. ein "Überbleibsel der uranfänglichen Ununterschiedenheit von Subjekt und Objekt, also des primordialen unbewussten Zustandes",[7] ein unbewusstes Vorstadium der Subjekt-Objekt-Spaltung. Es beruht auf der gefühlsmäßig erlebten Identität mit der Natur bei den Naturvölkern oder auf der gefühlsmäßig erlebten Identität des Kleinkindes mit seinen Bezugspersonen, insbesondere mit der Mutter. Letzteres wird von der Psychologie als Übertragungsverhältnis bezeichnet. Entsprechende Phänomene bei den Naturvölkern beruhen auf einer gewissermaßen magischen Beziehung zur Natur. Die Interpretation der von Lévy-Bruhl beschriebenen Participation mystique ist nicht nur von Bedeutung in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht.

[Bearbeiten] Logik und Linguistik

Der bereits oben genannte Gesichtspunkt des Primärprozesses umfasst auch Probleme der vergleichenden Sprachwissenschaft oder der Logik wie z.B. die kulturelle bzw. entwicklungsgeschichtliche Bedeutung des Satzes vom Widerspruch (Stil des sog. primitiven Denkens). Erich Fromm hat z.B. in diesem Zusammenhang auf die Paradoxe Logik hingewiesen, die einen Bezug zur Gottesvorstellung hat.[8] Carl Gustav Jung bezeichnet diese Denkform als Enantiodromie.[9] Es handelt sich bei der P.m. also nicht nur um eine Verbundenheit mit Personen oder um eine Verbundenheit mit zeitlich weit auseinanderliegenden Perioden, sondern auch um eine logische Verbundenheit völlig gegensätzlicher Vorstellungen. Man kann sich kulturelle Entwicklung so vorstellen, dass das Hervortreten einer Möglichkeit von zwei logischen Alternativen durch kollektives Verdrängen der anderen Möglichkeit hervorgerufen wird. Im Rahmen individueller Betroffenheit (Neurose) kann man durch die Verdrängung ebenfalls das störende Hervortreten bestimmter einseitiger Bewusstseinsinhalte erklären.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. ↑ Lévy-Bruhl, Lucien: Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures (1910). Paris: Les Presses universitaires de France. 1re édition: 1910. 9e édition, 1951, 474 pages. Fernladbarer Text
  2. ↑ Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker (1912/1913). Gesammelte Werke in Einzelbänden, Band IX, S. Fischer-Verlag, 3. Auflage, 1952
  3. ↑ Wilhelm Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8, Spalte 1729
  4. ↑ Die Kurzformel Ernst Haeckels ist: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese." Sie wird hier etwas ausführlicher im Sinne von Stanley Hall interpretiert.
  5. ↑ Devereux, Georges: Normal und anormal – Aufsätze zur allgemeinen Ethnopsychiatrie. Suhrkamp, Frankfurt 1. Auflage 1974, ISBN 3-518-06390-1, insbes. Seite 131 ff.
  6. ↑ Rank, Otto: Mythos von der Geburt des Helden. Versuch einer psychologischen Mythendeutung (1909), Nachdr. der 2. Aufl. von 1922. - Wien : Turia und Kant, 2000, ISBN 3-85132-141-3
  7. ↑ Jung, Carl Gustav: Definitionen. In: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, Paperback, Sonderausgabe, Band 6, ISBN 3-530-40081-5, Seite 486 § 780 und Seite 469, § 740
  8. ↑ Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. Ullstein Frankfurt 1984, Buch-Nr. 35258, ISBN 3-548-35258-8, Kap. Liebe zu Gott, Seite 85 ff.
  9. ↑ Jung, Carl Gustav: a.a.O., Seite 458 f., § 716-718
Persönliche Werkzeuge


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