Percy Fawcett
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Percy Harrison Fawcett (* 31. August 1867 in Torquay; verschollen und vermutlich †im Sommer 1925 am Oberlauf des Rio Xingu) war ein britischer Forschungsreisender, Abenteurer und Ethnologe. Seine Expeditionen Anfang des 20. Jahrhunderts führten ihn mehrfach nach Südamerika. Der Nachwelt ist er vor allem durch sein spurloses Verschwinden zusammen mit seinem Sohn während seiner letzten Forschungsreise in Erinnerung geblieben, was in Großbritannien Anlass zu vielen Spekulationen hinsichtlich seines Verbleibes führte. Dagegen sind seine erfolgreichen früheren Reisen nahezu in Vergessenheit geraten.
Führten ihn seine ersten Expeditionen noch im offiziellen Auftrag in den Regenwald, um internationale Grenzen und Flussläufe zu vermessen, richtete er sein Augenmerk auf späteren Fahrten vornehmlich auf die Suche nach einer versunkenen Stadt in Brasilien.
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[Bearbeiten] Biographischer Überblick
Percy Fawcett kam 1867 als Sohn des in Indien geborenen Edward B. Fawcett und dessen Frau Myra Fawcett in Torquay zur Welt, einer Kleinstadt in der südenglischen Grafschaft Devon. Er selbst beschrieb seine Kindheit später als frei von elterlicher Liebe. Dies erklärt, warum er schon früh versuchte, den familiären Zwängen zu entkommen und selbstständig zu werden. Fawcett besuchte die Schule in Newton Abbot. Sein Vater war Mitglied der Royal Geographical Society (RGS) und versuchte, den Sohn bereits in jungen Jahren für dieses Themenfeld zu interessieren. Dieser jedoch trat zunächst nach dem Schulabschluss im Jahre 1896 dem Royal Regiment of Artillery bei, für welches er in Trincomalee auf Sri Lanka stationiert wurde. Dort lernte er seine zukünftige Frau Nina, die Tochter eines Richters, kennen. Zwar sagte Fawcett das Schießwesen zu, doch er erachtete das Armeeleben mehr als Mittel zum Zweck des Geldverdienens. In der Dekade von 1893 bis 1903 wurde er häufig versetzt, beispielsweise nach England und nach Malta. Anschließend arbeitete der mittlerweile zum Oberstleutnant aufgestiegene Fawcett für den Secret Intelligence Service in Marokko, wo er das Handwerk der Landesvermessung erlernte. Es folgte ein weiterer Arbeitsplatzwechsel nach Hongkong, bevor er nach Sri Lanka zurückbeordert wurde. Dort gebar Nina Fawcett den gemeinsamen Sohn Jack (* 1903; †1925), nachdem das Paar im Jahre 1901 geheiratet hatte. 1906 wurde Brian geboren, der 1984 starb.
Percy Fawcett pflegte neben seinem Beruf eine enge Freundschaft mit den Autoren Henry Rider Haggard und Arthur Conan Doyle. Im Ersten Weltkrieg diente er auf Seiten Großbritanniens als Soldat an der Westfront im Schützengraben und im Jahre 1916 verlieh ihm die Royal Geographical Society eine Goldmedaille für seine Beiträge in Südamerika.[1]
[Bearbeiten] Die Forschungsreisen
Um 1900 war das Regenwaldplateau von Mato Grosso in Südamerika eines der letzten noch nicht vollständig vermessenen Gebiete der Erde. Es herrschte ein Grenzstreit zwischen Bolivien und Brasilien, da wichtige Rohstoffe wie beispielsweise große Kautschukbaumvorkommen in der Region vermutet wurden. Zur Schlichtung schaltete man 1906 die Royal Geographical Society als dritte Partei ein. Die Organisation sollte das Gebiet vermessen, kartieren und so den endgültigen und anerkannten Grenzverlauf festlegen.
George Taubman Goldie, der damalige Präsident der Society, wählte Fawcett nach einem persönlichen Gespräch als Leiter der Vermessungsexpedition aus, obschon dieser über keinerlei Erfahrung bezüglich Südamerika verfügte. Ausschlaggebend für die Wahl war der Umstand, dass Armeekameraden, ebenfalls Mitglieder der RGS, bei Taubman Goldie vorstellig geworden waren und sich für Fawcett ausgesprochen hatten, der ihrer Meinung nach die für die Expedition benötigte Neutralität und Charakterstärke besaß. Fawcett selbst zeigte sich ob dieser Nachricht enthusiastisch und freute sich auf die Reise, da sie ihm als eine willkommene Abwechslung vom Alltag in der Armee erschien. Mehrere Jahre später ließ er verlauten:
- „Das Geheimnis seiner riesigen, unerforschten Wildgebiete machte die Verlockung von Südamerika unwiderstehlich für mich. Das Schicksal bestimmte, dass ich gehe.“[1]
Die Organisation der Reise übernahm die Royal Geographical Society, die sowohl die Ausrüstung bereitstellte, als auch Geldgeber anwarb.
[Bearbeiten] Erste Reise
La Paz — Sorata — Mapiri — Rurrenabaque — Riberalta — Cobija — Xapuri — Villa Bella — Riberalta
Nach einer langen Anreise über New York City, den Panamakanal sowie durch Peru erreichte der Expeditionstrupp im Juni 1906 die bolivianische Hauptstadt La Paz. Zunächst sah es so aus, als sei die Reise bereits dort wieder zu Ende, da sich Fawcett und die britische Regierung nicht über die Kosten der Reise hatten einig werden können und letztere eine Klärung der Lage vor einem möglichen Start verlangte. Nachdem die Probleme behoben worden waren, brachen die zuvor sämtlich von der Royal Geographical Society bestimmten Teilnehmer – Fawcett, A. J. Chalmers, Carlos Dunn, sowie acht Tamupasa-Indianer – am 4. Juli in Richtung Norden auf. Als Lastentiere hatte Fawcett Maultiere ausgewählt.
Die erste Station der Expedition auf der von der Royal Geographic Society festgelegten Route war die Kleinstadt Sorata nördlich von La Paz. Von dort aus zog sie weiter Richtung Nordosten und hielt sich dabei an den Mapiri Trail, einen mautpflichtigen Pfad durch den Regenwald. Diesen hatte die aus Deutschland stammende Familie Richter geschlagen, um das auf ihrer Plantage gewonnene Chinin schneller zum Verkauf transportieren zu können. Ab Mapiri, einer Stadt, in der der Großteil der männlichen Bevölkerung betrunken war, was Fawcett sehr schockierte. Er setzte die Reise in Booten zunächst stromabwärts auf dem RÃo Mapiri und anschließend auf dem aus diesem entstehenden RÃo Beni fort.
Vierzehn Tage nach der Abreise aus La Paz erreichte die Gruppe schließlich den Ort Rurrenabaque, welchen Fawcett später als „trostlose Halde“ auf dem Weg in den Regenwald und als ein „ein Metropolis auf dem Weg raus“ bezeichnete. In der Stadt lagen, anders als abgesprochen, nicht die Vermessungsinstrumente für die Expedition bereit, doch die Briten wurden vertröstet, dass dies im flussabwärts gelegenen Riberalta der Fall sei. Einen Tag nach der Ankunft trafen sie mit zwei Zollbeamten aus La Paz zusammen, welche mehrere Postsäcke nach Riberalta bringen sollten. Da alle ein gemeinsames Ziel hatte, entschloss man sich, gemeinsam weiterzufahren. Nach einem mehrtägigen Aufenthalt fuhr die Gruppe am 8. August mit Batelóns, einfachen Holzschiffen, den Fluss hinunter. Ein Batelón maß etwa zwölf Meter Länge und dreieinhalb Meter Breite und hatte einen Tiefgang von ungefähr 90 Zentimetern.
Es gelang den Expeditionsteilnehmern, die gefürchteten Altamarani-Stromschnellen unverletzt zu überwinden. Allerdings schlugen die Boote Leck, sodass sie nach einer nur 16 Kilometer langen Fahrt an Land gehen und diese ausbessern musste. Die Reparatur nahm nur zwei Tage in Anspruch und die weitere Flussfahrt verlief ohne besondere Ereignisse. Die Forscher trieben mit etwa fünf Kilometern pro Stunde flussabwärts und ernährten sich von Affenfleisch, Früchten, Schildkröteneiern und Wildschweinen. Lediglich das Baden im Fluss barg Gefahren, da in diesem Stachelrochen, Zitteraale und Candirus zu finden waren. Als Zeitvertreib dienten die Zeitungen und Zeitschriften aus den Postsäcken, welche von den Zollbeamten aus Langeweile geöffnet worden waren.
Zwanzig Tage nach der Abfahrt aus Rurrenabaque, am 28. August 1906, gelangten Fawcett und seine Männer nach Riberalta. Dort fand Fawcett tatsächlich die benötigten Instrumente vor und traf auf sachkundige Offiziere, die über seine Expedition und ihre Bedeutung informiert waren. Riberalta wurde zum Basislager der Expedition. Hier rüstete sie sich aus, um den Vermessungsauftrag auszuführen.
Zusammen mit einem jamaikanischen Koch sowie dem in Bolivien lebenden Schotten Urquhart paddelte die Gruppe um Fawcett von Riberalta aus den RÃo Orton und anschließend dessen Quellfluss, den RÃo Tahuamanu, in südwestlicher Richtung flussaufwärts. Fawcett berichtete später von zahlreichen zum Teil noch unbekannten wildlebenden Tieren, die eine zuvor unterschätzte Gefahr für die Expedition darstellten. So hätten beispielsweise Vampirfledermäuse die Vorräte angefressen und einem Begleiter, der seine blutbefleckten Hände im Fluss waschen wollte, wurden zwei Finger von Piranhas abgebissen. Er konnte medizinisch versorgt werden. Nach 43-tägiger Flussfahrt gelangte die Gruppe in das Dorf Porvenir. Von dort aus zog sie über Land und durch den Regenwald weiter bis in die nordbolivianische Stadt Cobija. Dort entwickelten sich schnell Probleme im Umgang mit den Einwohnern. Wie sich herausstellte, waren viele der Weißen in der Ansiedlung Gesetzesbrecher, die aus dem Wilden Westen der Vereinigten Staaten nach Bolivien abgeschoben worden waren. Die Expeditionsteilnehmer wurden in einige kleinere Konflikte und einmal in eine durch Alkohol aufgeheizte Schlägerei verwickelt. Die Reisegruppe gezwungen, über das Weihnachtsfest in Cobija auszuharren. Diese Zeit nutzte Fawcett dazu, die Messdaten für eine Eisenbahnstrecke zu vervollständigen, die Porvenir mit Cobija verbinden sollte.
Im Januar 1907 konnte die Reise fortgesetzt werden und Fawcett fuhr mit seinen Begleitern per Boot den brasilianisch-bolivianischen Grenzfluss RÃo Acre hinauf, dessen Quelle es zu finden galt. Als Zwischenstation auf der Etappe diente die Ortschaft Yorongas. Fawcett gelang es, den Ursprung des Flusses ausfindig zu machen und so die genaue Lage des Stroms zu kartographieren. Auf dem Rückweg nach Cobija traf die Expedition, so man den Ausführungen Fawcetts Glauben schenken mag, auf eine Sucuriju gigante, eine Riesenschlange, von der einige Wochen zuvor bereits Eingeborene Fawcett berichtet hatten. Das Tier schlängelte sich auf das Ufer zu und Fawcett feuerte mehrere Gewehrschüsse ab, wobei er es drei Mal unterhalb des Kopfes traf. Anschließend vermaß er mit einfachsten Mitteln den noch halb im Wasser liegenden Körper und kam auf eine Länge von 20,5 Metern und eine Dicke von etwa 40 Zentimetern, welche er in seinem Expeditionsbericht eintrug (andere Quellen sprechen von 19 Metern Länge und 30 Zentimetern Dicke oder 18,9 Metern Länge). Die Schilderung dieser Begegnung brachte ihm nach seiner Heimkehr seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft Hohn und Spott ein, da keiner an die Existenz solch langer Schlangen glauben wollte.
Im Anschluss kehrte die Expedition nach Cobija zurück und wandte sich nordwärts nach der brasilianischen Stadt Xapuri. Fawcett leitete die kleine Gruppe dann weiter in das nordöstlich gelegene Copatara und traf wenig später auf den RÃo Rappirao, den die Expedition in Batelóns etwas flussabwärts befuhr, bevor man zur Einmündung des RÃo Abuna gelangte. Diesen noch in keiner Karte eingezeichneten Fluss paddelten die Wissenschaftler stromaufwärts und somit praktisch wieder zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Fawcett war der erste Europäer, der den Ursprung dieses Flusses fand. Anschließend reiste er den RÃo Rappirao stromabwärts bis zur Einmündung in den Rio Madeira, in welchen er ebenfalls in stromaufwärtige Richtung einschwenkte. Nach wenigen Tagen erreichte Fawcetts Expedition die kleine Ansiedlung Villa Bella.
Schließlich gelangte die Gruppe um den Briten am 20. Mai 1907 zurück nach Riberalta. Von dort jedoch war eine Weiterreise nach La Paz zunächst nicht möglich, da es Transportschwierigkeiten gab. Erst nach einer Wartezeit von mehreren Wochen konnte man Richtung Rurrenabaque aufbrechen. Die folgende Fahrt beschrieb Fawcett später als eine der schwersten, die er je gemacht habe. Man kam erst 45 Tage später, am 24. September, in Rurrenabaque an (auf der Hinfahrt benötigte man für die gleiche Distanz weniger als die Hälfte der Zeit), zudem waren zwischenzeitlich vier Träger an Gelbfieber verstorben. Bei einem kurzen Abstecher in den RÃo Madidi wäre es darüber hinaus beinahe zu einem tödlichen Unfall gekommen. Hinter einem Felsvorsprung befanden sich unerwarteterweise mächtige Stromschnellen. Während die Besatzung eines Floßes gerade noch rechtzeitig in der Lage war, ans Ufer zu steuern, geriet Fawcett in die Strömung. Der Fluss war an dieser Stelle zu tief zum Steuern mit der Stange, so dass das Floß führungslos in die Katarakte fuhr. Zwar verlor die Gruppe den Großteil der Ausrüstung, doch es waren keine Verletzten zu beklagen, was umso glücklicher wirkt, wenn man sich Fawcetts Äußerungen zu diesem Vorfall vor Augen hält:
- „[…] Das Floß schien dort einen Moment zu balancieren, bevor es unter uns wegfiel. Sich zwei- oder dreimal überschlagend als es durch die Luft schoss, krachte das Balsa nieder in die schwarze Tiefe. Zurückblickend sahen wir, wo wir durchgekommen waren. Der Wasserfall war etwa sechs Meter hoch und wo der Fluss hinabstürzte verengte sich die Schlucht zu einem bloß drei Meter breiten Durchlass; durch diesen Flaschenhals brauste das enorme Wasservolumen mit unglaublicher Wucht; donnerte hinunter in eine Woge aus braunem Schaum und Felsen mit schwarzen Spitzen. Es mutete unglaublich an, dass wir diesen Malstrom überlebt haben konnten.“[1]
Nach den Strapazen der Rückreise besaß der Ort Rurrenabaque in den Augen Percy Fawcetts tatsächlich die „Annehmlichkeiten einer Stadt“. In der Stadt hielt sich die Expeditionsgruppe nicht lange auf und reiste schnellstmöglich weiter. Via Sorata gelangte man zum beschwerlichen Anstieg auf die Hochebenen der Anden. Am 17. Oktober 1907 betrat er La Paz als ein „bärtiger Grobian, von der heißen Sonne fast schwarz gebrannt“.
Diese erste Reise von Percy Fawcett verlief erfolgreich. Die Ergebnisse seiner Arbeiten entsprachen zwar nicht den Erwartungen Boliviens, dennoch wurden sie von beiden am Grenzstreit beteiligten Staaten akzeptiert. Bolivien hatte auf einen größeren Anteil an den Kautschukbaumanbaugebieten spekuliert, sah jedoch ein, dass die Schlichtung durch die Royal Geographical Society ehrlich und unparteiisch verlaufen war und entschied sich aus diesem Grunde dafür, den diplomatischen Konflikt beizulegen.
[Bearbeiten] Die versunkene Stadt Z
Während der Reise trug der Häuptling der Nhambiquara-Indianer Fawcett die Legende der sagenhaften Stadt Manao zu, die die Eingeborenen als steinerne Stadt oder schwarze Stadt beschrieben. Diese Ruinenstadt sollte angeblich auf einer Ebene im Mato Grosso nahe dem Rio Xingu verborgen liegen und von dichtem Regenwald und blauen Bergen umgeben sein. Den Ausführungen des Häuptlings zufolge besaß die Stadt Schutzgräben, Statuen, Chausseen und gepflasterte Straßen und würde von einem wilden Indianerstamm, den Suyas, bewacht. Darüber hinaus seien dem Häuptling zufolge in der Gegend, in der die Stadt liegen soll, riesige unbekannte Tiere an Seen gesichtet worden. Zum Ende des Gesprächs händigte er dem europäischen Forscher einen kleinen und sehr alten Stein aus, in den das Bildnis eines Mannes eingraviert ist, der eine römische Toga und Sandalen trägt.
Nach Abschluss der Expedition fuhr Fawcett zurück an die Küste nach Rio de Janeiro. Dort entdeckte er im Staatsarchiv ein aus dem Jahre 1753 datiertes Dokument über portugiesische Seefahrer und Abenteurer, die 1743 ins Landesinnere aufgebrochen waren, um den Regenwald nach Gold- und Silberminen zu erkunden. Statt der Bodenschätze fanden sie angeblich etwas anderes. Der Bericht erzählte von einer
- „versteckten und großen alten Stadt, ohne Einwohner, die im Amazonasgebiet entdeckt worden war.“
Die Ruinenstadt sollte demnach in der Serra do Roncador nahe dem Rio Xingu im brasilianischen Mato Grosso liegen. Fawcett war davon überzeugt, in diesem Bericht die Bestätigung für die Legende der Indianer gefunden zu haben. Er nannte die Stadt zunächst lediglich "Z".
Der Gedanke an die versunkene Stadt sollte ihn nie wieder loslassen. Er forschte neben seiner beruflichen Tätigkeit beständig weiter und stellte eine Unmenge an Hypothesen auf. Vielfach entwickelte er Gedanken anderer Wissenschaftler weiter. So stützte er sich etwa auf Überlegungen des dänischen Zoologen und Paläontologen Peter Wilhelm Lund, führte diese weiter aus und kam zu dem Schluss, dass die Stadt auf dem brasilianischen Regenwaldplateau liegen müsse. Weiterhin forschte er in Schriften von christlichen Missionaren und spanischen Eroberern und meinte, dass die blauäugigen Tolteken von Mexiko aus gen Süden gewandert seien. Er versuchte, seine Ideen auf Tagungen der Royal Geographical Society öffentlich zu machen und sagte etwa auf einer Vorlesung im Jahre 1910:
- „[…] Ich habe ein halbes Dutzend Männer getroffen, die schwörten, weiße Indianer mit roten Haaren erblickt zu haben. Solche Kommunikation, wie es sie in einigen Teilen mit den wilden Indianern gegeben hat, bestätigt die Existenz einer solchen Rasse mit blauen Augen. Eine Menge Leute im Inneren haben von ihnen gehört.“[2]
Fawcett vertrat die Ansicht, dass diese europäisch anmutenden Eingeborenen, die noch nie Kontakt zu Europäern gehabt haben, die Nachfahren einer untergegangenen Hochkultur waren, die Z bewohnte. Er nannte dieses antike Ursprungsvolk Tapuyas. Bei einem berühmt gewordenen weiteren Vortrag vor der Royal Geographical Society im darauf folgenden Jahr argumentierte er:
- „Ich habe auf die Erzählungen angespielt, die den Forscher erwarten, sollte er die Flüsse verlassen und von den Gummi-Distrikten wegkommen in die entlegeneren Wälder. Sie sind nicht übertrieben. Da sind merkwürdige Tiere und bizarre Insekten für die Naturforscher und Gründe jeder Art, die Existenz mysteriöser, weißer Indianer nicht als Mythos abzutun. Da sind Gerüchte über Waldpygmäen und alte Ruinen. Überhaupt nichts ist bekannt von dem Land einige hundert Yards jenseits der Flussufer. Da sind Fährten von merkwürdigen Tieren, riesig und unerkannt, im Schlamm der Strände dieser Seen hinter den unbekannten Wäldern des bolivianischen Caupolican. […] Ich könnte den Appetit der Romantiker mit mehr kitzeln; aber es ist nicht definitiv genug, um solch einen Ruf vor den ungläubigen Leuten, die zu Hause sitzen und denken, dass sie alles wissen was es über die Welt zu wissen gibt, auf Grund der Geschichten eines Reisenden rechtfertigen zu können. […] Die Tapuyas sind anständig wie die Briten. Sie haben Hände und Füße, die klein und grazil sind. Man findet sie im Osten von Brasilien. Sie sind Flüchtlinge einer älteren und sehr großen Zivilisation. Ihre Gesichtszüge sind von großer Schönheit, und sie haben weißes, goldenes und goldbraunes Haar. Ihre Fähigkeit der Goldverarbeitung und des Edelsteinschnitts ist von hohem Grad. Sie trugen Diamanten und Ornamente aus Jade.“[2]
Laut Fawcett waren auch die Inka Nachkommen der Tapuyas. In der britischen Zeitschrift Blackwood's Edinburgh Magazine kündigte er daraufhin etwas zu vorschnell an, dass er die Entdeckung von Ruinen erwarte, die noch älter seien als die ägyptischen Pyramiden.
[Bearbeiten] Rio-Verde-Zwischenexpedition
Asunción — Corumbá — Puerto Suárez — San MatÃas — Vila Bela da SantÃssima Trindade
Nach dem Abschluss der ersten Expedition kehrte Fawcett in seine Heimat Großbritannien zurück. Zunächst war er glücklich, wieder im Kreise seiner Familie zu sein, doch schon bald plagte ihn das Fernweh. In späteren Gesprächen äußerte er, dass ihn die Melodie einer Grammophonplatte an den Lauf des RÃo Acre erinnert und ihn noch weiter in seinem Wunsch bestärkt habe, erneut nach Südamerika zu fahren:
- „[…] langsamer Fluss wie flüssiges Gold im Schein des Sonnenuntergangs. Die bedrohlichen dunkelgrünen Wände des Waldes kamen heran Unerklärlich – erstaunlich – Ich wusste, dass ich diese Hölle liebte. Ihr teuflischer Griff hatte mich gefangen.“[3]
So erklärte sich Fawcett freiwillig bereit, für die Royal Geographical Society den exakten Grenzverlauf zwischen Bolivien und Brasilien in der Region um den Lago Caceres zu vermessen. Am 6. März 1908 verließ er gemeinsam mit dem britischen Offizier und Mitglied der Grenzfestlegungskommission F. G. Fisher per Schiff die englische Hafenstadt Southampton.
Man legte in Buenos Aires an und gelangte in die paraguayanische Hauptstadt Asunción. Von dort aus fuhr Fawcett mit seinem Begleiter auf Booten den RÃo Paraguay flussaufwärts und machte dabei in der Stadt Crumb Station. Schließlich erreichte er Corumbá im Feuchtgebiet Pantanal, von wo aus die Touren zum See – etwa in das nahe, westlich gelegene bolivianische Dorf Puerto Suárez – beginnen sollten. Fawcett zeigte sich überrascht ob der enormen wirtschaftlichen Kluft zwischen Bolivien und Brasilien und freute sich über die zivilisierte Natur der brasilianischen Siedlungen im Vergleich zu jenen „gottvergessenen Städten“ am anderen Ufer des Flusses.
Die Arbeit am Lago Caceres war bereits im Juli, also relativ schnell, beendet, was vor allem darauf zurückzuführen war, dass es keinerlei Schwierigkeiten oder wetterbedingte Unterbrechungen gab. Aus diesem Grunde wurde Fawcett angeworben, zusätzlich noch den Rio Verde, einen kleinen Grenzfluss zwischen Bolivien und Brasilien, zu vermessen. Dieser war in den Karten von 1873 fehlerhaft auf Verdacht eingezeichnet worden, nachdem man seine Mündung gefunden hatte. Seinem Lauf gefolgt war allerdings noch niemand. Fawcett empfand die Aufgabe als willkommene Abwechslung von der nüchternen zugewiesenen Arbeit und vertrat die Ansicht, dass eine wirkliche Entdeckungsreise wesentlich ansprechender sein würde. Ein britischer Konsul warnte zwar:
- „[…] Er wird niemals zu Fuß erforscht werden. Viele Expeditionen sind dorthin aufgebrochen, nur um verloren zu gehen“,
doch Fawcett ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und begann die Expedition mit Fisher, Urquhart sowie sechs einheimischen Trägern vom Stamme der Parecis.
Zunächst reiste die Gruppe auf dem RÃo Paraguay weiter flussaufwärts bis nach Descalvados, um von dort über Land weiter Richtung Nordwesten zu ziehen. Via San MatÃas in Bolivien erreichte Fawcett das Dorf Casal Vasco, gelegen an einem Nebenfluss des Rio Guaporé. Von nun an kam die Expedition schneller voran, da sie den Strom flussabwärts befahren konnte und schon bald befand sie sich auf dem Rio Guaporé selber. Nach einem mehrtätigen Halt in Vila Bela da SantÃssima Trindade setzte die Expedition ihre Fahrt in Einbäumen auf dem Fluss fort und fuhr bis zur linksseitigen Einmündung des Rio Verde. Dort schlug die Gruppe erstmals ein Lager auf. Parallel zum Rio Guaporé zogen sich zwischen Vila Bela da SantÃssima Trindade und dem Rio Verde die Ricardo Franco Hills, eine 120 Kilometer lange Tafelbergkette, deren Gipfel so eben waren, dass sie „vom Käsemesser eines Riesen hätten geschnitten sein können“[4].
Fawcett war fasziniert von den Tafelbergen und sinnierte in seinem Reisebericht:
- „Zeit und der Fuß des Menschen hatten diese Gipfel nicht berührt. Sie standen wie eine verlorene Welt, bewaldet bis zu ihren Spitzen und die Phantasie vermochte sich dort die Überreste eines lange vergangenen Zeitalters auszumalen.“[4]
Ursprünglich hatte Fawcett geplant, den Fluss stromaufwärts zu befahren. Es bedurfte jedoch einer Umdisponierung, da sich die Expedition mehreren Stromschnellen gegenüber sah, über die die Boote nicht hinübergezogen werden konnten. Daher mussten diese aufgegeben werden. Die Forscher waren gezwungen, ihre Lasten zu minimieren und so beschloss Fawcett, einen Großteil seiner Ausrüstung sowie 60 Sovereigns im Wert von etwa 300 US-Dollar in Metallkästen zu vergraben. (Mehrere Jahre später erfuhr der Brite, dass man diese vergrabenen Kästen als Grünen Schatz bezeichnete. In den Erzählungen der Öffentlichkeit wuchs die Menge der Sovereigns schnell auf 60.000 und Fawcett war amüsiert darüber, dass nirgendwo berichtet wurde, dass er die Kästen nach Beendigung der Forschungen wieder ausgegraben hatte. Er tat diesen Umstand jedoch auch nicht kund, da er meinte, die Geschichte könnte Schatzjäger animieren.)
Die neun Expeditionsteilnehmer brachen am 15. September 1908 vom Lager aus auf und wanderten dem Wasserlauf folgend flussaufwärts. Acht Tage später, am 23. September, änderte sich die Landschaft. Das Flusswasser, welches zuvor klar und genießbar gewesen war, färbte sich grün und nahm einen bitteren Geschmack an. Fawcett stellte anhand von Proben fest, dass die Färbung durch ein verstärktes Algenwachstum verursacht wurde. Es ist anzunehmen, dass der Fluss aufgrund dieser Farbgebung seinen Namen erhielt. Im algigen Wasser kamen nahezu keine Fische mehr vor und auch die Wildtiere, welche am Unterlauf des Rio Verde noch zahlreich an seinen Ufern lebten und von der Gruppe gejagt wurden, verschwanden. Nach kurzer Zeit waren die Lebensmittelvorräte der Forscher aufgebraucht. Zehn Tage lang ernährten sie sich nur von Honig, Palmnüssen und Vogeleiern, bevor sie am 3. Oktober die Quelle des Fluss und damit das Ziel ihrer Reise ausfindig machen konnten. Sie vermaßen und kartographierten den Ort.
Für den Rückweg nach Vila Bela da SantÃssima Trindade wählte Fawcett eine kürzere und direktere Route, die in östlicher Richtung über die Tafelberge führte, da er die Ansicht vertrat, die Expeditionsteilnehmer würden es nicht überleben, ohne Nahrung den gesamten Flusslauf wieder flussabwärts zum Lager wandern zu müssen. Auf dem Bergplateau angekommen stellte er jedoch fest, dass es nahezu unmöglich war, auf der Ostseite wieder hinabzusteigen, da die Berge zu steil waren. Die Flanken waren von Schluchten und Canyons durchzogen, die alle nach einigen hundert Metern als Sackgassen endeten. So war die Gruppe gezwungen, mehrere Tage auf den Tafelbergen auszuharren. Nachts sah Fawcett von den Erhebungen aus in der Ferne den Schein der Feuer der Eingeborenen.
Die mitgeführten Hunde waren die ersten Opfer des Nahrungsmittelmangels. Einer nach dem anderen verhungerte. Nach einigen Tagen entfernte sich einer der einheimischen Träger von der Gruppe und legte sich zum Sterben auf die Erde. Nur ein nachdrücklicher Stoß Fawcetts mit dem Jagdmesser zwischen seine Rippen bewegte ihn zum Aufstehen und Weitergehen. Nach dreizehn Tagen ohne regelmäßige feste Nahrung entdeckte die Gruppe ein großes Säugetier. Fawcett beschrieb es später als Reh; Rehe jedoch kommen auf dem gesamten amerikanischen Kontinent nicht vor. Der Expeditionsleiter schoss das Tier und die Forscher aßen es nahezu vollständig auf. Gestärkt und mit neuer Hoffnung begannen sie erneut, einen sicheren Weg für den Abstieg zu suchen und hatten Erfolg. Sie folgten den kleinen Wasserläufen und gelangten schließlich tatsächlich in ein kleines, parallel zum Rio Verde verlaufendes Tal, in welchem der Wildtierbestand auf dem normalen Niveau lag und das Trinkwasser eine gute Qualität aufwies. Am 19. November 1908 betrat die Gruppe Vila Bela da SantÃssima Trindade. Dort lag bereits ein Glückwunschtelegramm von General Pando (* 1848; †1917), dem Präfekten des bolivianischen Departamentos Beni für Fawcett bereit. Dieser betreute alle Expeditionen des Briten und es herrschte ein hoher gegenseitiger Respekt zwischen den beiden Männern, was an folgender Stellungnahme Fawcetts über den General beispielhaft deutlich wurde:
- „Ein Mann von eindrucksvoller Erscheinung und ausgeprägter Befähigung. Er wusste wahrscheinlich mehr über das Land, als irgendeiner seiner Landsmänner. Er war der erste Offizielle den ich getroffen habe, der wirklich wusste, welche Arbeit für die Kommission benötigt wurde.“[5]
Während Fisher sich erholte, ritt Fawcett mit einem Pferd in das Lager der Parecis-Indianer, um ihnen mitzuteilen, dass fünf der sechs Träger auf der Reise verstorben waren und nur einer namens Pacheco überlebt hatte. Der Forscher legte viel Wert darauf, diese Nachricht persönlich zu überbringen, da er sich für die Teilnehmer der Expedition verantwortlich fühlte. Darüber hinaus dankte er den Einheimischen für ihre wertvolle Unterstützung.
Bei der Rückkehr nach Corumbá wurden Fawcett, Fisher und Urquhart wie Helden gefeiert und der Expeditionsleiter versprach, im folgenden Jahr wiederzukommen, um die Ergebnisse zu bestätigen. Am 18. November 1908 endete die Rio-Verde-Zwischenexpedition schließlich in Asunción. Nach der Ankunft in England lobten seine Begleiter Fawcetts Führungsvermögen und taten kund, dass ohne seinen festen Charakter, seine Tatkraft und sein Durchhaltevermögen die gesamte Expedition verhungert wäre.
Wie abgemacht, reiste Fawcett zusammen mit Fisher die Route im Jahre 1909 erneut entlang. Sie starteten am 13. Juni und trafen in Vila Bela da SantÃssima Trindade mit der brasilianischen Vermessungskommission zusammen. Dieses Mal benötigten sie nur sechzehn Tage, um von der Mündung des Rio Verde zu dessen Quelle zu gelangen. Während der Fahrt auf dem Fluss beziehungsweise der Wanderung am Ufer vermaßen und markierten sie erneut die Grenze mit dem Ergebnis, dass Fawcetts Berechnungen aus dem Vorjahr trotz der widrigen Umstände kaum Abweichungen aufwiesen. Fawcett zeigte sich verwundert ob des Überflusses an Wildtieren im Gegensatz zum vorherigen Jahr und erreichte die Quelle gemeinsam mit dem Brasilianer Lemenha als Erster. Er wies diesen an, auf die anderen Mitglieder der Kommission und Fisher zu warten, während er erneut die Ricardo Franco Hills erklomm. Bei guter Laune beschrieb er im Reisebericht den großartigen Blick vom Plateau, der ihm 1908, in Hunger und Not, kaum aufgefallen sei. Wenig später ereilte ihn die Nachricht, dass das überladene Kommissionsboot gesunken und dabei ein Teilnehmer ertrunken sei, was ihn zu der Klage veranlasste, dass dies „ein würdeloses Auftreten für eine Internationale Grenzfestlegungskommission“ sei.
Die Rio-Verde-Zwischenexpedition verlief durch das Gebiet des heutigen Nationalparks Noel Kempff Mercado im Departamento Santa Cruz im Nordwesten des Landes. Nach der Rückkehr nach Europa beschrieb Fawcett die Landschaft mit den Tafelbergen auf der bereits erwähnten Konferenz der Royal Geographical Society im Jahre 1911 derart detailliert, dass sein im Publikum sitzender Freund und Autor Conan Doyle diese ein Jahre später zu einem der Hauptschauplätze seines Romans Die vergessene Welt machte. Der Titel ähnelte dem Eindruck, den auch der Forscher beim Anblick der Berge empfand.
Erst in den 1940ern wurde offensichtlich, dass Fawcett sich bei der Bestimmung der Quelle des Rio Verde geirrt hatte. 1946 fand Oberst Bandeira einen weiteren Flussarm, der zum tatsächlichen Ursprung führt. Dennoch wurden die Ergebnisse Fawcetts als ein Zeichen guter Freundschaft im Kartenmaterial belassen, da die Abweichungen nur minimal waren. Gleichzeitig wird dies heute als Ehrung für Fawcett durch die bolivianische Regierung dafür angesehen, dass er als erster Forscher erfolgreich den Fluss erkundete.[6]
[Bearbeiten] Zweite Reise
La Paz — Astillero — Puerto Maldonado — Astillero
Im Frühjahr 1910 beorderte der bolivianische Präsident Eliodoro Villazón Montaño (* 1849; †1939) Fawcett in die Hauptstadt seines Landes. Diese Reise, die den Briten über die Falklandinseln als Zwischenstation führte, verlief zunächst anders als geplant, denn er und seine Begleiter wurden in Paraguay kurzzeitig von Rebellen festgehalten. Als er schließlich in La Paz ankam, bat Villazón Fawcett, die Grenzregion zwischen Bolivien und Peru nördlich des Titicaca-Sees zu vermessen und damit den lange schwelenden Grenzkonflikt zwischen beiden Ländern beizulegen. Villazón wählte Fawcett, da er von dessen Arbeit in den vorherigen Jahren sehr angetan war. Darüber hinaus vertrat er die Meinung, der Brite verfüge mittlerweile auch über ausreichend Hintergrundwissen bezüglich der diplomatischen Lage in diesem Gebiet Südamerikas und gab aus diesem Grunde Fawcett den Vorzug vor anderen Forschern.
Dieser hatte den unklaren Verlauf des bisher auf keiner Karte eingezeichneten 226 Kilometer langen Heath River (benannt nach dem Naturwissenschaftler, Forscher und Humanisten Edwin R. Heath) zum Anlass. Eine Landkarte von 1810 zeigte die Region nicht sehr akkurat. Bereits im Jahre 1902 hatte man Argentinien gebeten, in der Sache zu vermitteln. Keine der beiden Parteien war jedoch mit dem Ergebnis der Vermittlung zufrieden und so brach Bolivien seine diplomatischen Beziehungen mit Buenos Aires bis zum Dezember 1910 ab.
Die britische Armee war jedoch nicht bereit, Fawcett die Erlaubnis für eine weitere Expedition in Diensten Boliviens zu erteilen und so sah sich der Forscher gezwungen, sich zwischen den Expeditionen in Südamerika und dem routinemäßigen Armeeleben in Europa zu entscheiden. Aufgebracht über die – in seinen Augen – Ignoranz und Unflexibilität der Armee trat er kurzerhand vom Dienst zurück.
Wenige Wochen darauf kehrte Fawcett mit seinem Expeditionsteam am 10. Juni 1910 nach La Paz zurück. Zu seinen Begleitern zählten H. C. Costin und H. Leigh, (zwei Unteroffiziere eines britischen Infanterieregiments), Kapitän Vargas, Kapitän Riquelme, ein britischer Armeekapitän, ein Arzt sowie ein älterer Soldat, den alle nur „Gunner Todd“ nannten.
Zunächst fuhr die Gruppe am 11. Juni per Zug zum Ostufer des Titicaca-Sees und bestieg dort ein Schiff. Nach einer mehr als 150 Kilometer langen Überfahrt fuhr sie erneut mit einem Zug weiter und gelangte in nordwestlicher Richtung nach Tirapata. Während der Schiffsfahrt hatte sie die bolivianisch-peruanische Grenze passiert. Von nun an sollte die Strecke der Expedition nur noch auf peruanischem Staatsgebiet verlaufen.
Von Tirapata aus wandte sich Fawcett leicht nach Nordosten und überquerte in einer mühevollen und teilweise sehr gefährlichen Wanderung die Cordillera de Apolobamba. Anschließend reiste er via Santo Domingo am RÃo Inambari weiter Richtung Norden nach Astillero am RÃo Tambopata. Dort erhielten die Forscher von zwei Beamten Warnungen bezüglich der angeblich gewaltbereiten Indianerstämme am Heath River. Die Männer vermuteten, dass ihre Reaktionen auf die Ankunft von Unbekannten vermutlich vor allem deshalb so feindselig waren, da sie glaubten, die weißen Männer würden kommen, um Sklaven zu holen. Zwar war die Sklaverei in Bolivien und Peru bereits illegal, doch viele Kautschukbaum-Plantagenbesitzer organisierten oft Touren in den Regenwald mit der Absicht, die Ureinwohner als Sklaven zu entführen und sie als billige Arbeitskräfte auf den Plantagen einzusetzen. Fawcett überging jedoch die Ratschläge, besser umzukehren und fuhr stattdessen in Booten den RÃo Tambopata flussabwärts bis zu seiner Mündung in den Madre de Dios. Dort lag die Stadt Puerto Maldonado, in welcher die Expeditionsteilnehmer für mehrere Tage pausierten. Anschließend ließen sie sich auch von diesem Fluss stromabwärts nach Nordosten tragen und erreichte nach 75 Kilometern die Einmündung des Heath River beim Dorf Puerto Pardo.
Dort war ein Major der Armee über das Vorhaben der Expedition informiert, warnte diese aber ebenfalls vor den Eingeborenen:
Fawcett aber vertrat die Ansicht, dass die Indios sich freundlich zeigen würden, wenn er und seine Begleiter dies auch täten und so begann man unter seiner Leitung, den Heath River mit Kanus flussaufwärts zu befahren und die Vermessungen durchzuführen. Der Fluss, der heute die Staatsgrenze zwischen den peruanischen Regionen Madre de Dios und Puno auf der einen und dem bolivianischen Departamento La Paz auf der anderen Seite bildet, entspringt 25 Kilometer nordöstlich der peruanischen Siedlung Marte.
Nach sieben Tagen, in denen sich die Forscher ihrer Arbeit gewidmet hatten, traf die Expeditionsgruppe wie von den Warnern vorhergesagt auf ein Indianerlager der Echoca auf einer Sandbank im Fluss. Doch anstatt feindselig zu reagieren, waren die Eingeborenen angesichts der Fremden zunächst nur äußerst verschreckt. Dies wird durch den Eintrag von Fawcett in seinen Forschungsbericht deutlich:
- „Hunde bellten, Männer riefen, Frauen schrien und griffen nach ihren Kindern.“[7]
Doch als die Naturwissenschaftler ihre Kanus ans Ufer zogen, schossen die Indianer, die sich inzwischen in die Baumkronen geflüchtet hatten, mehrere Pfeile zur Warnung ab. Fawcett versuchte, sie mit einigen Wörtern in ihrer Sprache, die er gelernt hatte, zu besänftigen, doch seine Bemühungen schlugen fehl. Daraufhin ordnete er an, dass „Gunner Todd“ auf dem mitgeführten Akkordeon spielen sollte, während er selbst mit seinem Flageolett musizieren wollte. Todd tat wie ihm geheißen und sang dazu die Lieder A Bicycle Made for Two, Suwannee River und Onward Christian Soldiers. Nach einigen weiteren Musikstücken sang er in der Melodie des Liedes, welches er gerade spielte:
- „Sie-haben-alle-aufgehört-auf-uns-zu-schießen“[7],
was die Indianer natürlich nicht verstehen konnten. Die Eingeborenen, offenbar ihrer Angst beraubt, kletterten von den Bäumen. Fawcett begrüßte sie und überreichte ihnen kleine Geschenke als Zeichen der Freundschaft. So schenkte er dem Häuptling seinen Stetson-Hut. Er hielt die übrigen Teilnehmer der Expedition dazu an, sich – wie er – geduldig zu zeigen und vorbildlich zu verhalten. So schaffte er es, die Furcht, die Aggressivität und die Sprachbarrieren zu überwinden. Als Gegenleistung für die Geschenke schlossen sich einige der Indianer der Expedition an, was insofern vorteilhaft war, als dass sie über eine wesentlich bessere Ortskenntnis verfügten.
Am 14. September konnte Percy Fawcett die Karte des Heath River an dessen Quelle vollenden. Von San Carlos, einem in der Nähe gelegenen Dorf, folgte man stromabwärts in nordwestlicher Richtung dem Lauf des RÃo Tambopata über Marte bis zurück nach Astillero. Von dort aus gelangte die Expedition ohne Eile auf der gleichen Route wie auf dem Hinweg zurück nach La Paz.
[Bearbeiten] Dritte Reise
La Paz — Puno — Juliaca — Apolo
Weder Peru noch Bolivien erklärten sich bereit, die Ergebnisse der Expedition Fawcetts anzuerkennen. Bolivien fühlte sich benachteiligt, da mit großflächigen Gebietsgewinnen gerechnet worden war, die jedoch ausblieben und die peruanischen Politiker vertraten die Ansicht, dass eine nur von Bolivien ausgestattete und finanzierte Gruppe natürlich im Sinne ihres Unterstützers vermessen würde. Man einigte sich jedoch darauf, mit Vertretern beider Staaten eine Tandem-Expedition zu organisieren, bestehend aus je einer Forschergruppe aus jedem Land.
Fawcett war zweiter Leiter der bolivianischen Gruppe, die sich aus wesentlich mehr Mitgliedern zusammensetzte, als im offiziellen Expeditionsbericht aufgeführt wurden:
| Name | Nationalität | Beruf | Aufgabe | Offizielles Expeditionsmitglied |
| Lino Romero |
|
Leiter |
|
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| Percy Fawcett |
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Oberstleutnant | Stellvertreter |
|
| Gabriel Andrade |
|
Assistent |
|
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| N. N. Costin |
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Assistent |
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|
| H. Leigh |
|
Unteroffizier | Assistent |
|
| Constantino Mariscal |
|
Assistent |
|
|
| Andrés Salinas |
|
Assistent |
|
|
| Mr. Edwards |
|
Kapitän | Assistent | |
| Mr. Gibbs |
|
Assistent | ||
| Caspar Gonzales |
|
Beamter | Assistent | |
| Manley |
|
Unteroffizier | Assistent | |
| Riquelme |
|
Assistent | ||
| Mr. Simpson |
|
Assistent | ||
| Sr. Vargas |
|
Kapitän | Assistent | |
| Mr. Wilson |
|
Assistent | ||
| Arzt | Arzt |
Man startete Anfang April 1911 in La Paz und zog gen Westen zum Titicaca-See. Diesen überquerte man mit einem Schiff und landete in der peruanischen Stadt Puno an. Anschließend wanderte die Gruppe in nordnordwestlicher Richtung in die nahe Stadt Juliaca. Dort traf sie am 2. Juni mit der sechsköpfigen peruanischen Vermessungsgruppe zusammen.
In den folgenden drei Monaten arbeiteten sich die beiden Expeditionen systematisch nordöstlich ins Hochgebirge der Anden vor und wendeten bei ihren Messungen das Prinzip der Triangulation an. Dieses Verfahren hatte Fawcett bereits auf seinen ersten beiden Reisen benutzt. Via Huancané erreichte man die noch in Bolivien gelegene Grenzstadt Cojata. Fawcett und die anderen Wissenschaftler und Forscher zeigten sich begeistert von den schneebedeckten Gipfeln der hohen Berge, litten jedoch gleichzeitig an der Kälte, an Sonnenbränden und der Höhenkrankheit. In Cojata stieß ein Korrespondent der bolivianischen Tageszeitung El Diario zu den beiden Vermessungsteams. Seine Reportagen bestätigten zu weiten Teilen Fawcetts Beschreibungen eines diplomatischen Sumpfes, der durch Verweigerung der Zusammenarbeit sowie beiderseitigem Misstrauen bestand. So schrieb der Reporter etwa:
- „Unser technisches Team hat vom Palomani Peak bis Huaycho kartographiert, während, wie uns Fawcett bestätigt, die Peruaner wenn überhaupt wenig getan haben. Fawcett hat akkurate Triangulationen über fast 50 Leugas durchgeführt. In drei Monaten hat die peruanische Kommission sieben abgedeckt.“[8]
oder
- „Ich muss verkünden, dass die Kommissionen für keinen Moment in Übereinstimmung oder zusammen gearbeitet haben.“[9]
Im Suchestal kam es schließlich zu einem offenen Streit zwischen Fawcett und Joseph A. Woodroffe, dem Leiter der peruanischen Gruppe. Fawcett warf ihm unrechtmäßige Grenzmanipulationen vor. So beschuldigte er ihn etwa, einige der nummerierten Steinhaufen zerstört zu haben, die er zuvor errichtet hätte. In einem Brief kritisierte Fawcett:
- „[…] als ein englischer Offizier sollte er sich nicht zu einer solch inkorrekten Prozedur verleiten lassen.“[10]
Woodroffe entgegnete, dass die Steinhaufen sowieso lediglich provisorisch aufgeschüttet worden seien und argumentierte:
- „Die bolivianischen Indianer belustigten sich daran, unsere Steinhaufen abzuräumen, sobald wir sie auftürmten – zerstört mit der stillschweigenden Duldung durch die andere Kommission.“[10]
Durch die Berichte des Zeitungskorrespondent über diese Konflikte verschlechterte sich das diplomatische Klima zwischen beiden Staaten noch, anstatt sich zu verbessern,