Pjotr Alexejewitsch Kropotkin

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Kropotkin, Aufnahme Nadar

Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (russischПётр Алексеевич Кропоткин, wiss. Transliteration Pёtr Alekseevič Kropotkin; * 27.Novemberjul./ 9.Dezember1842greg. in Moskau; † 8. Februar 1921 in Dmitrow) war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller.

Aufgrund seiner Abkunft aus dem russischen Hochadel und da er einer der prominentesten Anarchisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war, wurde Kropotkin auch der anarchistische Fürst genannt. Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionäre Schrift Die Eroberung des Brotes und sein wissenschaftliches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Kropotkin kämpfte für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft und gilt als einer der einflußreichsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Peter Kropotkin, 1861 in Uniform posierend

Pjotr Kropotkin wurde als Sohn von Fürst Alexei Petrowitsch Kropotkin in Moskau geboren und war somit einer der Nachkommen der berühmten Rjurikiden. Sein Vater war im Besitz von 1200 Seelen, d.h. männlichen Leibeigenen, und besaß darüber hinaus große Ländereien. Seine Mutter war die Tochter eines Generals in der russischen Armee und hatte für ihre Zeit ebenso bemerkenswert liberale Ansichten wie ein ausgesprochenes Interesse an Literatur. Sie starb jedoch an Tuberkulose, als Kropotkin gerade 4 Jahre alt war, und seine Kindheit war im weiteren geprägt durch den autoritären Vater und die Stiefmutter, die ihren Stiefkindern keine Gefühle entgegenbringen konnte.

Im Alter von fünfzehn Jahren trat Pjotr Kropotkin in das St. Petersburger Pagenkorps ein. Die Schule galt als Ausbildungsort, an dem der russische Hochadel seine Kinder auf zukünftige Karrieren in Militär und Verwaltung vorbereitete. Bis zum Verlassen der Schule 1862 folgte Kropotkin jedoch größtenteils seinen eigenen Interessen. Er beschäftigte sich intensiv mit den französischen Enzyklopädisten und französischer Geschichte, insbesondere mit der französischen Revolution. Er interessierte sich für die liberalen und republikanischen Tendenzen, die in jener Zeit in der russischen Oberschicht aufkamen und vertiefte sein Interesse am Leben der russischen Landbewohner in dieser Zeit. Im Jahre 1862 beendete Kropotkin als einer der ersten seines Jahrgangs die Ausbildung.

Nach seinem Eintritt in die russische Armee ließ sich Kropotkin, ungewöhnlich für seine gesellschaftliche Klasse, in ein sibirisches Kosakenregiment in der neu eroberten Amur-Region versetzen. Im Dienst unter dem liberalen General B. K. Kugel hatte Kropotkin die Möglichkeit sich mit weiterer sozialistischer Literatur auseinanderzusetzen, da Kugel u.a. über eine komplette Sammlung der Werke von Alexander Herzen verfügte.

Außerdem nutzte Kropotkin die ziemlich ereignislose Zeit, um ausgedehnte geographische und naturwissenschaftliche Forschungen anzustellen, die seinen Ruf als Naturwissenschaftler begründeten. Er schrieb später über seine Erfahrungen in Sibirien:

Die fünf Jahre, die ich in Sibirien zubrachte, waren für mich eine Erziehung in wirklichem Leben und menschlichem Charakter. […] Ich hatte reichlich Gelegenheit, die Bauern, ihre Lebensweise und Gewohnheiten, im täglichen Leben zu beobachten, und noch mehr Gelegenheiten zu erkennen, wie wenig die staatliche Verwaltung, auch wenn sie von den besten Absichten beseelt war, ihnen zu bieten vermochte.“

Peter Kropotkin: Memoiren eines Revolutionärs.[1]

Flugblatt über einen Vortrag Kropotkins

1867 kehrte Kropotkin nach St. Petersburg zurück. Er schrieb sich an der Universität St. Petersburg ein. Gleichzeitig wurde er Sekretär der Sektion für physische Geographie in der Russischen Geographischen Gesellschaft. In den darauf folgenden Jahren publizierte er wichtige Arbeiten über das Amur-Gebiet und über Gletscher-Ablagerungen in Finnland und Schweden. Als ihm jedoch die Russische Geographische Gesellschaft den Posten ihres Sekretärs anbot, war in Kropotkin schon die Überzeugung gereift, dass es seine Pflicht wäre sein Wissen einzusetzen um dem leidenden Volk zu helfen. Er schloss sich lieber revolutionären Kreisen an.

Kropotkin reiste 1872 in die Schweiz und wurde Mitglied der Genfer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation. Schnell aber begann er an der Ehrlichkeit der Sektionsführer zu zweifeln und schloss sich der libertären Juraföderation in Neuchâtel an. Während des kurzen Aufenthalts im Jura machte er die Bekanntschaft vieler flüchtiger Kommunarden und freundete sich mit James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel an, was bei Kropotkin einen bleibenden Eindruck hinterließ:

„Als ich die Berge nach einer guten Woche Aufenthalt bei den Uhrmachern wieder hinter mir ließ, standen meine sozialistischen Ansichten fest: Ich war ein Anarchist.“

Peter Kropotkin: Memoiren eines Revolutionärs.[2]

Nach seiner Rückkehr nach Russland schloss er sich dem nihilistischen Tschaikowski-Kreis an und betätigte sich intensiv an anarchistischer Propaganda. 1874 wurde er verhaftet, konnte aber zwei Jahre später aus der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg fliehen. Nach unruhigen Zeiten zwischen London, Paris und der Schweiz wählte er 1878 seinen Wohnsitz in der Schweiz, wo er die Zeitung Le Révolté der Juraföderation betreute und eigene Schriften veröffentlichte.

Kurz nach dem Attentat auf Zar Alexander II. wurde er auf russischen Druck hin aus der Schweiz ausgewiesen und in Frankreich wegen seiner Mitgliedschaft bei der Internationalen Arbeiterassoziation zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Öffentlicher Druck erreichte nach drei Jahren seine Freilassung und ermöglichte es Kropotkin sich in London niederzulassen, wo er das Leben eines Privatgelehrten führte. In Paris erschien nach wie vor seine Zeitschrift La Révolte, für die er viele Beiträge schrieb, die er 1892 in dem Buch Die Eroberung des Brotes zusammenfasste. Auch sein wichtigstes theoretisches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, das eine Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit aufstellte, basierte auf einer Artikelserie für das Magazin Nineteenth Century. Darin versuchte er anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte nachzuweisen, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf dem Überleben des Stärksten beruhte. Außerdem schrieb er in London u.a. Der Wohlstand für alle, Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, Die französische Revolution und Ethik. Er verfasste Artikel für The Times und Nature und fast alle Beiträge über Russland in der Encyclopædia Britannica. Schließlich war er auch Mitbegründer der Zeitschrift Freedom und des Freedom Press-Verlags.

Kropotkin auf dem Totenbett

Während des ersten Weltkriegs war Kropotkin Mitunterzeichner des Manifests der Sechzehn, in dem einige Anarchisten zum gemeinsamen Kampf gegen das Deutsche Reich aufriefen. Dieser Schritt isolierte ihn innerhalb der anarchistischen Bewegung und führte zum Bruch mit Errico Malatesta. 1917 kehrte Kropotkin nach der Februarrevolution nach Russland zurück und sprach sich auch dort dafür aus, den russischen Einsatz im ersten Weltkrieg weiterzuführen. Ihm wurde der Posten des Bildungsministers in der provisorischen Regierung Kerenskis angeboten, was er aber ablehnte. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki schwand sein Enthusiasmus und er wurde zu einem großen Kritiker Lenins,[3] doch aufgrund seiner Popularität in der Arbeiterbewegung konnte er ein relativ freies Leben führen.

Durch eine Lungenentzündung geschwächt, verstarb Kropotkin am 8. Februar 1921. Repräsentanten verschiedener anarchistischer Gruppen, darunter auch Alexander Berkman und Emma Goldman, bildeten ein Begräbniskomittee und konnten von den sowjetischen Autoritäten die Freilassung eingesperrter russischer Anarchisten erzwingen, unter der Bedingung, dass diese nach dem Begräbnis wieder in die Gefängnisse zurückkehren würden. Mehrere zehntausend Menschen besuchten die Beerdigung am 13. Februar 1921 und machten sie zur letzten Massenveranstaltung oppositioneller Kräfte in der Sowjetunion bis 1990.

[Bearbeiten] Werke

[Bearbeiten] Literatur

  • Heinz Hug: Peter Kropotkin (1842–1921). Bibliographie. Edition Anares im Trotzdem Verlag, Bern-Grafenau 1994. ISBN 978-3922209928
  • Heinz Hug: Kropotkin zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 1989. ISBN 978-3885068457
  • Alexander Bolz (Hrsg.): Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Ein autobiographisches Portrait 1842–1921. AL.BE.CH.-Verlag, Lüneburg 2003. ISBN 978-3926623423
  • Gudrun Goes (Hrsg.): Nicht Narren, nicht Heilige. Erinnerungen russischer Volkstümler. Reclam-Verlag, Leipzig 1984.
  • Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harassowitz Verlag, Wiesbaden 2001. ISBN 3-447-04508-6

[Bearbeiten] Weblinks

WikisourceWikisource: Peter Kropotkin– Quellen und Volltexte
CommonsCommons: Peter Kropotkin– Bilder, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. zitiert nach Kropotkin, Peter A.: Memoiren eines Revolutionärs. Band I. Münster, 2002, S. 192.
  2. zitiert nach Kropotkin, Peter A.: Memoiren eines Revolutionärs. Band II. Münster, 2002, S. 319.
  3. Kropotkin – Brief an Lenin II (1920), abgerufen am 27. April 2008
Persönliche Werkzeuge


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